Der Gesang des Einhorns

Ende des ersten Kapitels und Anfang des zweiten Kapitels

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„Lando, Runa!“, sagte Falko als hätte er Jaromirs Gedanken gelesen, wie um ihm zu antworten. Wie gebannt starrte er auf seinen Bruder und Runa, und die beiden Toten, die sich offensichtlich völlig verjüngt wiedererweckt in dem Glaskasten aufzurichten versuchten. 

Um sie herum tauchte das gelblichgrüne, schweflige Leuchten alle Gegenstände in sein trübes Licht. Selbst aus den Toten schien es herauszudrängen. Inzwischen hielten die Leichen ihre Arme an den Ellenbogen abgeknickt und zeigten mit den Händen auf Runa und Lando. 

Ein Strahlen zog wie eine Welle über ihre nun wunderschönen Gesichter. Alles verschrumpelte war von ihnen abgefallen. In Runa und Lando kam Bewegung. Sie wandten sich einander zu, eingehüllt in das gespenstische Licht, das gleiche überirdischen Strahlen auf den Gesichtern. Sich bei den Händen haltend, umrundeten sie den Glaskasten. Runa auf der einen, Lando auf der anderen Seite. Auf Höhe der Hände der Toten angelangt, senkten sie die eigenen Hände nieder und berührten an dieser Stelle das Glas. 

Ein lautes Klirren erschütterte die Luft. Das Glas zersplitterte, die Hände der Toten streckten sich Runa und Lando entgegen. Diese senkten ihre Hände. Sie berührten sich. 

Falko stöhnte auf, unfähig zu sprechen. Was hier geschah überstieg seinen Verstand. Es war unglaublich. Er fragte sich, ob der Zauber nicht vielleicht Reißer der Ausstellung war.

 Ein lauter Donnerschlag zerriß die Luft. Freigelegter Strom lief in einem Kreis um den Kasten und die zwei Menschen herum. Unmittelbar nach dem Donnerschlag hörten Falko ein unheimliches Sirren. Ein Blitz schlug ein. Wie ein Zackenschwert sauste er auf die Hände herunter. Laut surrend umkreiste der Stromkreis den Glaskasten, wie ein Rudel Wachhunde, die unbefugten den Eintritt verwehrten. Das Feuer fand Nahrung. 

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 2.  Im Norden Englands, 11. Jahrhundert

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Ängstlich öffnete Malinda die Augen, setzte sich ruckartig auf. Sie lauschte in das Morgengrauen hinein, außer dem rauschen des Windes in den Blättern, dem entfernten grunzen eines Wildschweines und dem rascheln der Eichhörnchen, konnte sie jedoch nichts wahrnehmen. Es beunruhigte sie in zunehmendem Maße, daß sie in der letzten Zeit ängstlich hinter jedem Busch einen Feind vermutete. In all den Jahren war sie nie ängstlich gewesen, vorsichtig ja, aber nicht ängstlich! Was sollte ihr auch noch Angst einjagen? Der Tod? Sie hatte ihm Auge in Auge gegenübergestanden. Schmerzen? Sie wußte was es bedeutete Schmerzen zu empfinden, mehr als sie glaubte ertragen zu können. Ja, sie hatte Angst noch einmal solche Schmerzen ertragen zu müssen, jedoch nicht mehr als all die Jahre bisher. Was bereitete ihr also Sorgen? Das Leben? Die Zukunft, die noch im Dunkel lag? Das andere, alte Leben war in sehr weite Ferne gerückt und selten übermannten sie die Erinnerungen an die schrecklichen Erlebnisse. Zehn Jahre war eine lange Zeit? Unvorstellbar inzwischen, als Lady von edlem Blut zum leben. Des edlen Blutes war so viel vergossen worden, mehr als sie jemals Tränen hatte weinen können. Das Leben das sie führte war hart, doch war sie ihr eigener Herr. 

Kein Mann konnte über sie bestimmen!

Im Stillen dankte sie einmal mehr dem alten Einsiedler, der damals ihre körperlichen Wunden heilte und versuchte, sie die seelischen vergessen zu lassen. Sie dankte ihrem Kampfgeist und ihrem Lebenswillen? Nicht immer war es leicht ihren weiblichen Körper und seine Formen zu leugnen, ihn unter festen Binden und lockerer Kleidung zu versteckten, doch manches Mal vergaß sie beinahe selber, daß sie kein Junge, sondern eine junge Frau war. So wie sie vergaß, daß sie des Sprechens nicht mehr fähig war, seit diesem verhängnisvollen Tag. Das Leben in den Wäldern und der Einsamkeit forderte ihr keine Worte ab. Im Sommer liebte sie die Ruhe und Freiheit in den Wäldern. Der Winter, der hatte es in sich, dennoch, auch in der kalten, oft nassen Jahreszeit hatte sie in den Wäldern Schutz gefunden? 

Warum war sie nur so mißgestimmt?  

Sie lehnte sich erneut an den Stamm der Buche zurück und schloss die Lider noch einmal. Der Tag begann erst zu erwachen, weshalb nicht noch ein wenig ausruhen. Wie um sie zu verspotten begannen in diesem Augenblick die ersten Vögel ihrem Morgengesang, dem Walderweckungsdienst. Ein Lächeln huschte über ihre schweigenden Lippen. Mit einem Mal wieder gutgelaunt öffnete sie die Augenlider.  

Mit schnellem, geübten Griff packte sie ihr Bündel zusammen, sprang federnd auf die Füße und lief aufs Geratewohl in nördlicher Richtung. Sie war neugierig. Wohin trugen sie ihre Füße dieses Mal? 

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Sie schaute zum Himmel. Inzwischen mußte sie etwa zwei Stunden unterwegs sein. Sie dankte dem Wald, der sie mit Beeren und Früchten versorgte und steckte die letzten Bissen in den Mund, während sie dem Lauf eines kleinen Baches folgte. Ein unerwartetes Geräusch ließ sie innehalten. Vor ihr im Gebüsch lag ein Wesen das laut stöhnte. Es stöhnte vor Schmerzen.

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