Auszug aus „Die Artuslinde“ für den Autorenkalender


27 Helenes Wohnung, Weihnachten 2004


Fast anderthalb Jahre waren vergangen, seitdem ich die Artuszeit wieder verlassen hatte. Ich war zu einer Einzelgängerin geworden. Meinen Roman hatte ich geschrieben und mit Zeichnungen ausgeschmückt und tatsächlich, dank einer glücklichen Fügung, war er von einem Verlag unter Vertrag genommen worden. Jetzt hoffte ich, daß die Geschichte von den Lesern angenommen wurde und ich mir damit eine weitere Verdienstquelle aufgebaut hatte. Ich war froh, es gezeichnet und geschrieben zu haben, denn mein Erlebnis lastete schwer auf mir, schwer in meinem Herzen. Und ich durfte zu niemandem ein Wort sagen, da mich sonst alle für verrückt erklärt hätten. Und trotz dieser langen Zeit verging nicht ein Augenblick, in dem ich nicht an Talivan dachte. Mehr als eine Nacht verbrachte ich in Tränen, und nicht einmal der treue Raban, der mir stets zur Seite stand, konnte mich dann trösten. 


Heiligabend stand vor der Tür. Da ich weder alleine zu Hause hatte bleiben wollen, noch bei Freunden oder der Familie, hatte ich einen Auftritt angenommen. Das würde mich, zumindest für diesen Abend, von meinem Kummer ablenken. 



28 Auf Burg Sommerstein, 2004


Liam vergaß seine Träume und Erscheinungen nicht, obwohl inzwischen anderthalb Jahre vergangen waren. Ebenso unerwartet wie es damals begonnen hatte, hörte, nachdem er die seltsame Mischung aus alten und neuen alten Gegenständen dem Geheimfach entlockt hatte, der Spuk auf. Trotzdem, im Bann der seltsamen Erlebnisse, hatte er alles niedergeschrieben, um immer wieder darin zu lesen. Er hatte das Geheimnis der Frau nie ergründen können, und doch, er war sich sicher, daß die Gegenstände mit ihr zu tun hatten. 

In wenigen Tagen feierten sie ein großes Weihnachtsfest, wie auch letztes Jahr, mit zahlenden Gästen, die ein echtes mittelalterliches Weihnachten erleben wollten. 

Er quälte sich gerade mit einem Korb Brennholz durch die Tür, als Cairen aufgeregt auf ihn zu rannte. 

„Liam!“ 

Er brummte. „Ja?“ 

„Komm her und sieh, was ich dir in der Stadt gekauft habe.“ Sie wedelte erregt mit einem Geschenk in der Luft herum. 

Liam trug den Korb bis zum Kamin und stellte ihn daneben ab, ehe er, herausfordernd gelassen, sich die Hände an seiner Hose abwischend, zu Cairen hinüber ging. Ihm fiel auf, daß die anderen Familienmitglieder scheinbar alle wichtiges in der Halle zu tun hatten, denn sie hielten sich mehr oder weniger dicht bei Cairen auf. Mußte sich ja um ein besonderes Geschenk handeln! 

„Jetzt beeile dich doch mal!“ sagte sie hibbelig. 

Liam wischte sich seine mit einem Mal feuchten Hände erneut an der Hose ab und nahm ihr das Geschenk ab. „Danke! ...Ich packe es dann Weihnachten aus.“ 

Sie fuhr auf. „Nein!“ 

Die anderen hatten sich mittlerweile neugierig um sie versammelt.

„Los, mach schon auf!“ sagte Brian, seiner Schwester zur Hilfe kommend. 

Liam lachte auf und riß das Papier von dem Buch, denn daß es sich um ein solches handelte, hatte er längst gefühlt. „Muß ja was ganz Besonderes sein, wenn ihr alle so neugierig seid.“

„Neugierig auf die Wirkung!“ 

Liam ließ das Papier auf den Boden fallen. Ein Buch! Er las laut den Titel, „Die Artuslinde,“ und blickte Cairen fragend an. 

Sie schüttelte ungeduldig den Kopf. 

„Nun lies schon, was hinten draufsteht.“ 

Er drehte den Band und las erneut laut vor. „Eine Geschichte über eine Zeitreise, von einer jungen Frau, ...hm...“ Er blickte erneut auf. „Und? Was ist daran so besonderes?“ 

Cairen verdrehte die Augen. „Lies doch mal, wie ihr Geliebter heißt!“ 

Liam las leise weiter, und ...schluckte. Talivan! Ein Artusritter. Er blickte in die Runde, drehte das Buch erneut und las den Namen der Schriftstellerin. Helene Linden. Er stockte innerlich. Linden? H. Linden! So hatte doch der Mensch unterzeichnet, der damals die Truhe bei ihm bestellte, um die Bestellung kurz darauf wieder zurückzuziehen. Ein Zufall? Nun war er doch neugierig und bemerkte mit einem Mal, daß seine Knie weich geworden waren. Er lächelte Cairen an, gab ihr einen Kuß auf die Wange und ging wortlos nach oben, um zu lesen. 

Er konnte kaum glauben, was er las, denn er fand seine Träume und Erscheinungen bestätigt. Seltsam betroffen klappte er am Ende das Buch zu. Mit einem Mal schoß ihm der vernunftwidrige Gedanke durch den Kopf, daß diese Frau all das, über was sie dort schrieb und was sie zeichnete, wirklich erlebt hatte. Und am Erschreckendsten und Befremdlichsten empfand er, daß der Ritter im Buch Ähnlichkeit mit ihm hatte und die Frau aussah, wie die Frau aus dem Block und sie genau die Gegenstände in die Truhe gelegt hatte, die er darin entdeckte. Ein unangenehmer Schauer rieselte seine Wirbelsäule entlang. Er mußte sie unbedingt kennenlernen! 



29 Helenes Wohnung 


Verschlafen holte ich am Morgen meine Post aus dem Briefkasten. Es war nicht viel, zweimal Werbung und ein Brief vom Verlag. Ich riß ihn unachtsam auf und überflog die Zeilen. 

„Sehr geehrte Frau Linden, wir schreiben Ihnen auf den Wunsch eines Lesers, der uns mit der Bitte um ein  Treffen mit Ihnen anschrieb. Rufen Sie uns im neuen Jahr an, ob Sie damit einverstanden sind. Wir wünschen Ihnen ein schönes Weihna...“ Weiter las ich nicht. Ein Leser, der ein Treffen wünschte? Sollte ich mich darauf einlassen? Mit einem Mal fühlte ich mich eigenartig, hatte einen flauen Magen, als hätte ich eine Nachricht erhalten, auf die ich schon lange wartete. So ein Quatsch! Ich warf den Brief auf den Tisch. Raban krächzte leise, als lachte er, so wie er es in Talivans Zeit immer getan hatte. 

„Hör auf,“ sagte ich halb vorwurfsvoll, halb scherzend. Einem inneren Antrieb folgend, trat ich an meinen Kleiderschrank und holte das geliebte mittelalterliche Wollkleid heraus. Zärtlich strich ich über den warmen, rauhen Stoff, als wäre ich meinem verlorenen Geliebten dadurch näher. Ich würde das Kleid anziehen, wenn ich meinen weihnachtlichen Auftritt hatte. Mir kamen ungewollt die Tränen; ich drückte das Kleid fest an mein Herz.



30 Das Ende -  Der Beginn


Ich schleppte mich mit meiner Harfe ab, während Raban leise vor sich hinbrabbelnd auf meiner Schulter saß und mir ab und an ins Ohrläppchen zwickte. Der Weg zur Burg hoch war ziemlich steil. Ich verfluchte meine Eigensinnigkeit, denn als mir der Veranstalter des Festes angeboten hatte mich vom Parkplatz abzuholen, hatte ich großspurig abgelehnt; nun, selber Schuld. Bestimmt mußte ich erst einmal eine Verschnaufpause einlegen, wenn ich mein Ziel erreicht hatte. Raban flog auf, drehte über meinem Kopf eine Runde und flog hinauf in den Burghof. Ich schickte ihm einen übelgelaunten Gedanken hinterher, da er sich so offensichtlich über mich lustig machte, und folgte dem steilen Weg weiter hoch.

Schließlich hatte ich den Eingang erreicht, vor dem Raban hin- und herschritt, gebeugt wie ein alter Gelehrter, der vor seinen Schülern auf- und ablief, auf ein Ergebnis wartend. Ich streckte ihm kindisch die Zunge raus.

„Du hast gut lachen, du untreuer Vogel. Läßt mich den harten Weg alleine gehen!“ 

Ein leises Kra, kra, das wieder klang wie „ja, ja ...red‘ du nur“, war die Antwort. Ich mußte schmunzeln. Die Tür stand offen, so daß ich hineingehen konnte. Ich folgte dem Lärm der Menschen, die offensichtlich schon alle versammelt waren. Jetzt war ich womöglich zu spät, weil ich den Weg unterschätzt hatte. Während ich die Stufen zur Halle hinauf schritt, schaute ich mich in dem Gang um, der tatsächlich von Fackeln erleuchtet wurde und fühlte mich augenblicklich heimisch. Allein die Tatsache, mich nach so langer Zeit wieder in einer Burg zu befinden, jagte mir Schauer der freudigen Erregung über den Rücken. Um ein Haar erwartete ich, Talivan im Rittersaal wartend stehen zu sehen, so wie er es immer getan hatte, wenn wir Besuch bekamen und ein Fest feierten. 

Schließlich erreichte ich den oberen Flur, der hier ziemlich weitläufig war und nicht nur zum Rittersaal, sondern offensichtlich auch zu anderen Räumen führte. Ich hielt inne, um zu verschnaufen, während ich mich fragte, ob ich fähig war, in der nächsten halben Stunde spielen zu können, weil ich so aus der Puste war. Plötzlich öffnete sich eine der Türen, warf warmes, gelbes Licht in den Flur. Ich wandte mich dem jungen Mann zu, der heraustrat, hielt den Atem an, weil er in seiner Haltung solch eine Ähnlichkeit mit Talivan hatte.

„Hallo,“ sagte ich atemlos. 

Er schaute erstaunt auf, weil er mich offensichtlich nicht hier erwartet hatte. Ich erschrak, als mir ins Bewußtsein drang, wessen Züge mich da anblickten, an wen sie mich in Wahrheit erinnerten. Morcant. Selbst seine Stimme klang ähnlich, als er sprach. 

„Hallo. Die Feier ist dort, im Rittersaal!“ Er zeigte zur Tür gegenüber.

Er bemerkte wohl meinen erstaunten und gereizten Blick. Ich kam mir abgestempelt und überrumpelt vor. 

„Sie wollen doch zur Weihnachtsfeier, oder?“ 

Ich nickte. „Ich bin die Harfenspielerin.“ 

Ein entschuldigendes Lächeln huschte über seine Lippen. „Angenehm.“ Er reichte mir die Hand. „Wir haben gerade von ihnen geredet.“ 

Ein ungutes Gefühl zog eine Welle in meinem Magen. „So?“ 

Er grinste wieder, mit feinem Spott, aber nicht unfreundlich. „Hulda? Oder?“ 

„Ja. Hulda und Raban.“ Ich wollte auf Raban zeigen, konnte ihn jedoch nicht entdecken. 

Der Mann zog eine Braue fragend in die Höhe. 

„Ich bin übrigens Brian.“ 

Er streckte mir die Hand hin und ich reichte ihm meine, abwesend, weil ich mit den Augen nach Raban suchte, und weil mir Brian so bekannt vorkam. Mit einem Mal hörte ich aus dem Raum, dessen Tür er nicht geschlossen hatte, die krächzige Stimme des Raben. Ich atmete erleichtert aus.

„Entschuldigung, anscheinend hat mein Rabe sich in ihr Zimmer verflogen. Könnte ich ihn eben herausholen?!“ 


Er nickte und öffnete die Tür. „Aha, Raban ist also ein Rabe! Kommen Sie, ich gehe vor.“ Brian kam die Frau bekannt vor, dabei hatte er sie noch nie zuvor gesehen. Das Bild aus der Truhe, ging es ihm durch den Kopf.


Ich folgte ihm in den Raum, bei dem es sich vermutlich um das Wohnzimmer der Besitzer handelte und ließ meinen Blick einmal herumwandern, bis er schließlich auf Raban hielt, der auf der Schulter eines Mannes im taubenblauen Gewand saß. Als der Mann aufschaute, stockte mir der Atem.


Talivan! Ich holte tief Luft. Nein, unmöglich, ich war einer Sinnestäuschung aufgesessen. Nur weil der Mann dort ein Gewand trug wie Talivan, als er starb, und weil Raban auf seiner Schulter saß, ließ ich mich täuschen. Und doch, ich konnte feine, schwach sichtbare Narben auf seinem Gesicht entdecken. Aber wie sollte er in diese Zeit gelangt sein? Ich konnte offensichtlich Wahres und Unwahres nicht mehr unterscheiden. Ungläubig und unhöflich starrte ich ihn an. 

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