Ostern und Lamm

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Als ich acht Jahre war, fuhren meine Mutter und ich über Ostern nach Frankreich zu unseren Verwandten. Während der langen Zugfahrt beobachteten wir, wie die Menschen links und rechts der Bahnstrecke auf dem Land ihre Osterfeuer entzündeten. 

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In Frankreich wurden wir herzlich nach französischer Art begrüßt, von jedem, viermal wechselnd auf jede Wange küssend. Als wir nach der langen Fahrt dann abends ins Bett gehen wollten, erlebte ich eine Überraschung, denn als ich mich auf das Bett setzen wollte, sank ich tief in die Matratze ein. Wie eine Welle, schlug sie über mir wieder zusammen und begrub mich in ihren weichen Untiefen. Da ich nicht gewohnt war so weich zu schlafen, ließ ich mir eine Liege geben, sehr zur Verwunderung meines Onkels und meiner Tante, die nicht verstehen konnten, warum ich lieber auf der harten Liege schlafen wollte. 

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Am nächsten Tag machten wir eine Tour durch Paris, mit einer pflichtmäßigen Eifelturmbesteigung, bei der mir die Knie weich wurden und einem Besuch des Wachsfigurenkabinetts. Sehr eindrucksvoll, beides, wobei mir die Wachsfiguren weitaus besser gefielen. Im großen Vorflur des Kabinetts, saßen lebensechte „Menschen“ auf den zum Ausruhen einladenden Bänken und erst auf den dritten oder sogar vierten Blick bemerkte man, dass sie aus Wachs waren. Und wiederum manch eine durchdringend angestarrte Figur, wurde dann plötzlich doch lebendig, weil sie eben nicht aus Wachs war. 

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Außerdem besuchten wir noch das „Musée  de L´ homme“ ebenfalls sehr eindrucksvoll und zu dem Stellenweise sehr einschüchternd, besonders für ein achtjähriges Kind. Es gab einen Flur mit Gläsern mit in Flüssigkeit eingelegten Embryos, was mich schon dort gruselte und mir im Anschluss schlaflose Nächte bereitete. 

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Schon zu diesem Zeitpunkt beschäftigte mich das Leben, die Welt und wie die Menschen mit ihr, der Natur, anderen Menschen und den Tieren umgingen, sehr. Ich machte mir viele Gedanken, was ich tun könne, um die Welt in der wir leben etwas besser zu machen und wäre ich damals so mutig gewesen, wie ich es heute bin oder wie die junge Greta es jetzt gerade ist, dann wäre auch ich an die Politiker herangetreten. Aber dazu fehlte mir damals einfach das Selbstvertrauen und der Schneid.

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Abends nach dem anstrengenden Ausflugstag, setzten wir uns alle vor die Flimmerkiste, das Licht wurde gedämmt und mein Cousin, meine Cousine und ich saßen einträchtig davor. Während des Fernsehprogramms bekamen wir Hunger und so holte uns mein Cousin noch von dem „leckeren“ Braten aus der Küche. Wir aßen ein paar Bissen, auch ich, obwohl ich eigentlich schon kaum noch Fleisch aß und dies auch nicht wollte. Dann wurde aus irgend einem Grund das Licht angemacht und ich hielt mein Bratenstück in der Hand. Mein Blick wanderte zu dem Stück des Lamms in meiner Hand und ich bemerkte das Blut, welches vom Fleischstück heruntertropfte. In Frankreich wird blutiger gegessen, auf eine gewisse Art ehrlicher als hier.

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Das war der Weckruf den ich gebraucht hatte! Mein maßgebliches Erlebnis, um meinem Wunsch eigentlich Fleischfrei zu leben, endlich verbindlich nachzukommen. 

Mit einem Mal sah ich nicht mehr das Stück „Braten“ ich sah das „Lamm“, dass noch kurze Zeit zuvor bei seinem Mutter gelegen und gesaugt und mit anderen Lämmern gespielt hatte, die nun ebenfalls auf abertausenden von Tischen zu Braten verarbeitet auf Servierplatten lagen. Ich sah das Lämmchen, welches voller Angst erst in einen Transporter gesperrt, dann in ein Schlachthaus gezerrt  und letzten Endes dort ermordet worden war, ohne Erbarmen oder Mitgefühl. Ich konnte seine ängstlichen Hilferufe und seine Verzweiflung fühlen, weil es nicht verstand was vor sich ging und weshalb es seiner Mutter und aus seiner vertrauten Umgebung entrissen worden war. In diesem Augenblick legte ich angewidert und voller Scham über meine Unbedachtheit, das Stück des Lämmchens, aus meiner Hand! Ich konnte nicht anders als zu weinen, um dieses vergeudete und kurze Leben, das auf so grauenvolle Art getötet wurde, damit ich ein Stück seines Körpers fressen konnte. In meinem Herz war von diesem Augenblick an fest verankert, dass ich niemals mehr ein Stück Tier fressen würde.  Dieses Versprechen, was ich mir und allen Tieren in diesem Augenblick gab, halte ich bis heute ein. 

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Inzwischen lebe ich seit mehr als 45 Jahren fleischfrei und davon seit bald 20 Jahren vegan. Ich habe meine Entscheidung niemals bereut. Was ich bereut habe, ist, dass ich nicht noch viel früher aufgewacht bin! All das Leid, was durch den Konsum von Fleisch, Ei und Milcherzeugnissen schwer auf unseren Gewissen liegt, ich kann es kaum erragen. Ich verzichte auf gar nichts und erst recht nicht auf mein Gewissen, mit dem ich so ein wenig mehr im reinen bin. 

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Ich kann nur jeden Menschen bitten, nicht nur einmal über das Essen von Tierleichenteilen nachzudenken. Oder über den Konsum von Kuhmilch, die nur und ausschließlich den Kälbern gehört. So wie dem essen von Eiern, welche eigentlich mal Vögel werden wollen und allem anderen, was mit den „Produkten“ von Tieren zu tun hat. Informiert euch, besucht Schlachthäuser, damit ihr seht wie es eurem Stück Fleisch ergeht, bevor es ein Stück Fleisch wird. Schaut euch informative Filme an, so wie „Earthlings“ oder „Carne Vale“ und wenn ihr dann immer noch der Meinung seid, dass Tier- „Produkte“ zu essen richtig ist, dann wisst ihr wenigstens, woher das Stück  „Lebenskraft“ kommt und wem diese „Lebenskraft“ in Wahrheit gehört. Uns jedenfalls nicht, davon bin ich überzeugt. 

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Mittlerweile weiß ich auch, dass Vegan zu leben nicht nur Tierleid verhindert oder Tierleben rettet, sondern dadurch unseren Planeten und uns, so wie unsere Nachkommen, denen wir diese Welt hinterlassen. 

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Auf dem Foto zu sehen: Joy und Lady, Kamerunschafe

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