Autoren Adventskalender 2017: 

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Der Mann vom Mittelaltermarkt

Märchenhafte und romantische Kurz-Geschichte 

von

Manuela Tietsch

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1

    Alina drehte sich nach allen Seiten, prüfte die Saumweite und den Schwung und strich an dem kühlen Leinen herunter. Das war bislang das schönste Kleid, das Elke genäht hatte, soviel stand fest. Es gab kein Entrinnen, sie würde das Kleid kaufen müssen. Sie hob den Saum damenhaft mit den Händen an und trat hinter der Ecke hervor, um sich vor den Stand zu stellen. Elke war noch mit der anderen Kundin beschäftigt. Alina fühlte sich beobachtet, so schaute sie über den Platz.

Ein Mann fiel ihr auf. Warum? Er war weder besonders ausgefallen gekleidet, noch außergewöhnlich gutaussehend, trotzdem konnte sie die Augen nicht von ihm lassen. Er hatte so etwas an sich, etwas Geheimnisvolles und er sah geradewegs zu ihr herüber. Hatte er sie beobachtet? Als sich ihre Blicke begegneten, lächelte er sie unerwartet an, sie konnte gar nicht anders, sie musste sein Lächeln erwidern. Er stand nahe einer großen Linde. Ein ganz eigenartiges Gefühl beschlich sie, als wäre er nicht von dieser Welt. 

„Alina ?“ rief Elke aus dem Stand heraus und sie wandte sich um.

„Gleich“, antwortete sie und drehte sich wieder zu dem Mann um, doch er war wie vom Erdboden verschluckt. Sie schaute in alle Richtungen, in die nahen Stände, doch er war nicht mehr zu sehen. Als hätte er nie dagestanden. Doch er konnte unmöglich so schnell woanders hingegangen sein, denn der Platz an dem er gestanden hatte, war vergleichsweise menschenleer und übersichtlich? Sie blickte trotz allem noch einmal über den Platz, so weit ihr Auge reichte; doch sie konnte ihn nicht entdecken. Ein seltsames Gefühl befiel sie. Als hätte jemand die Tür zu einem geheimen Raum einen Spalt breit geöffnet, gerade so viel, dass sie einen winzigen Blick hinein werfen konnte, um sie dann ebenso plötzlich wieder zu schließen. 

Es half nichts, er blieb verschwunden. Hatte sie sich den Mann nur eingebildet? Sie versuchte sich genau zu erinnern. Was hatte er getragen, wie hatte er ausgesehen? Ein naturfarbenes Hemd, eine braune Leinenhose. Schuhe, hatte er Schuhe angehabt? Es war wie verflixt. Sie konnte sich am stärksten an seine eindrucksvollen braunen Augen erinnern, die sie so klar und durchdringend angesehen hatten. Und an das Lächeln, das freundlich, aber auch ein wenig überheblich auf sie gewirkt hatte. Sie schaute ein letztes Mal herum, ehe sie sich kopfschüttelnd abwandte und zu Elke unter das Zeltdach ging.

„Das türkise, das gefällt mir“, sagte Alina , während sie sich erneut durch die an der Stange hängenden Kleider arbeitete. 

Elke grinste, „hab an dich gedacht, als ich es nähte.“ Sie nickte.

„Du weißt, wie du mich rumkriegst.“ Alina lachte wohlwollend. Es war ein Spiel zwischen ihnen, an dem sie beide ihre Freude hatten. 

Elke trat zu ihr, „sitzt doch wie auf den Leib genäht, oder?“ sagte sie, während sie ein wenig an dem Kleid herum zupfte. 

„Wunderschön. Ich mag es gar nicht mehr ausziehen.“

Elke hob die Schultern, „das sollte keine Schwierigkeit darstellen, mein Fräulein.“ Sie lachte.

Eine neue Kundin trat um die Ecke. „Können Sie mir helfen?“ 

Elke nickte ihr zu, „natürlich wehrte Dame, euch zu Diensten.“ Sie grinste Alina an und ging zu der Kundin.

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Es war bestimmt über eine Stunde vergangen, seit sie den Mann gesehen hatte, doch sie ertappte sich immer wieder dabei, dass sie den Platz um die Linde und den gesamten Marktplatz mit ihren Blicken absuchte, erfolglos allerdings. Der Mann blieb verschwunden. 

Betti hatte sich für den Abend mit dem Schmied verabredet. Also würde sie den ganzen Nachmittag, so wie den Abend Ausschau halten, so wie sie sich kannte. Vielleicht war es besser nach Hause zu fahren und ihn zu vergessen? Sie wusste, das war hoffnungslos. Sie würde ihn nicht vergessen, auch wenn die Begegnung noch so flüchtig gewesen war. Nur ein Blick, nur ein Lächeln, und doch hatte sie das Gefühl ihn unbedingt kennenlernen zu wollen. Ja, es war so stark wie nie. Sie hatte sich im ersten Augenblick hoffnungslos verliebt. So etwas war ihr noch niemals in ihrem Leben vorgekommen. Sie war doch eher eine bodenständige, leicht abgeklärte Frau des 21. Jahrhunderts. Es war verrückt. In Gedanken versunken schlenderte sie hinter ihrer Freundin Betti her, welche ebenfalls durch die Stände lief. Vielleicht würde sie ihn auf dem Marktplatz in der Mitte sehen, wenn die Marktleute ihren Tanz aufführten, und die Musiker aufspielten? Sie sollte Elke fragen, ob er vielleicht zu den Marktleuten gehörte? Oder er war vom Heerlager? Daran hatte sie gar nicht gedacht, natürlich. Sie würde durch das Lager gehen und ihn sicher entdecken. Sie mochte die Stimmung im Lager so und so ganz gern. Natürlich war sie sich im Klaren darüber, dass hier das Mittelalter nur gespielt wurde, aber trotzdem war es schön. Und das wirkliche Mittelalter, war so und so nicht schön gewesen. Dunkel und grausam, wenn man den Schilderungen Glauben schenkte. Die Menschen hungerten, bekriegten sich, taten sie das nicht immer noch, schoss es ihr durch den Kopf. Aber nein, heute war es viel besser. Damals mussten die Leute bis zum Umfallen arbeiten und hatten keinerlei Freude. Die Bauern waren wie Leibeigene und verrichteten Fronarbeit. Die hohen Herren ließen es sich gut gehen. Und die ganzen Berge an Fleisch, die bei den Gelagen verschlungen wurden. Heute war es wirklich alles besser! Hier auf dem mittelalterlichen Markt war dazu Fantasy angesagt, und das war auch gut so. Wer wollte sich schon in Wahrheit mit solch einem düsteren Zeitalter auseinandersetzen, wie dem Mittelalter?

Sie kamen zum Schmuckstand, an dem sich Betti lange Zeit aufhalten konnte, das wusste Alina aus Erfahrung. Ebenso wie sie selber bei den Gewandungen die Zeit vergaß. Der Händler bot seine Ware laut an. Alina musste herzhaft lachen, als er ihre Schönheit, die durch jedes Schmuckstück nur erhöht wurde, in den höchsten Tönen lobte, in der Hoffnung, sie würde eine Kette, einen Ring oder sonst ein Schmuckstück von seinem Stand kaufen. Sie winkte grinsend ab und zog weiter, Schmuck war nichts für sie. Aber in Betti hatte er ein williges Opfer gefunden, sie blieb natürlich stehen. 

„Betti, während du dich hier umschaust, gehe ich mal ins Heerlager, ok?“

Betti sah kurz auf, nickte abwesend und wandte sich sofort wieder dem Kasten mit den Ringen zu. 

Alina ging mit weit ausholenden Schritten über den Platz, zum Heerlager herunter. Sie genoss jeden Schritt in ihrem neuen türkisfarbenen Kleid und kam sich wie eine hohe Dame vor, wobei der kühle Stoff ihre Beine umschmeichelte. Sicher würde sie den Mann hier finden. Sie streifte durch die Zeltreihen, sah den Männern bei ihren Kampfübungen, und den Frauen beim Brettchenweben zu. Doch ihn konnte sie nirgends entdecken. Sie fragte nach ihm, doch niemand schien diesen Mann zu kennen oder ihn gesehen zu haben. Er hatte ja leider auch keinerlei besondere Merkmale gehabt, außer dass er die ausdruckstärksten Augen hatte, die sie je sah. Verdrossen schlenderte sie zurück zum Platz. Sie zückte ihr Handy, um Betti anzurufen, wo diese gerade steckte. Nach dem dritten Klingeln nahm sie ab.

„Wo steckst du, noch beim Schmuck?“

„Nee, bin beim Schmied.“ Betti kicherte verlegen.

Es hatte sie wohl ganz schön erwischt, Alina grinste ins Telefon. „Ich komme wieder nach oben.“ Sie legte auf und stapfte weiter, den Hügel zum Marktplatz hinauf. Es war schon dämmrig, sicher würden sie gleich mit der Feuerschau beginnen und überall würden die Fackeln und Leuchten in den Ständen angezündet werden. Sie mochte die Abendstimmung auf den Märkten. Als sie auf die Mitte zuging, in Richtung Bühne, konnte sie sich eines Blickes zur Seite auf den Platz neben der Linde nicht verkneifen. 

Und dann stockte sie. Da stand er wieder. Als wäre er niemals fort gewesen. Er schien über den Platz zu gucken, schien etwas oder jemanden zu suchen. Aber in ihre Richtung schaute er dieses Mal nicht. Sie war entschlossen ihn nicht noch einmal aus den Augen zu verlieren und ging näher heran, immer getarnt hinter einem anderen Besucher. Dieses Mal wollte sie die Beobachterin sein. 

Als sie keine fünf Schritte mehr von ihm entfernt stehenblieb, geschah das Unglaubliche. Er streckte die rechte Hand aus, langte an die Rinde des Baumes, trat einen Schritt nach vorne und löste sich vor ihren Augen in Luft auf. Noch während ihr die Schauer des Unfaßbaren über den Rücken liefen und eine Gänsehaut hinterließen, überbrückte sie die restliche Entfernung und griff nach dem Arm des Mannes. Gerade noch geschafft! Das konnte doch nur ein wahnsinns Trick sein? Eine neue Einlage des Marktgeschehens? Ihre Hand begann heiß zu werden, als fasste sie auf eine Herdplatte und ein seltsames Kribbeln jagte ihr weitere Schauer über die Haut. Sie trat ebenfalls einen Schritt nach vorne, genau wie er und dann wurde ihr Schwarz vor Augen. 

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2

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Als sie wieder aus ihrer Ohnmacht erwachte, lag sie auf weichem Erdboden und öffnete vorsichtig die Lider, weil sie nicht sicher war, was sie zu sehen bekäme. Ihr Blick fiel auf Baumstämme, Waldboden und Beine in braunen Leinenhosen und wanderte an den Hosenbeinen nach oben. Sie lag zu Füßen des Mannes, den sie verfolgt hatte und der sie jetzt entsetzt ansah.

„Wie konntet ihr das tun, Frouwelin?“

Blödmann! „Ich war neugierig wie jemand einfach so verschwinden kann und was sich die Marktleute so ausgedacht haben.“ Er musste ja nicht wissen, dass sie sich in ihn verliebt hatte.

„Die Marktleute? Niemand von Eurer Zeyt hätt sich etwas ausgedacht.“ Er trat an den Baum, wieder eine Linde und fasste an den Stamm. Doch dieses Mal verschwand er nicht.

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„Verdammet, wie konnte das geschehen?“ Er ließ den Stamm los und starrte auf sie herunter. Wie konnte sie ihm folgen? Bisher war noch nie jemand auf diesen Einfall gekommen? Was sollte er jetzt mit ihr anfangen? Zurückbringen ging nicht mehr, das Tor war geschlossen, bis zur nächsten Sommersonnenwende. Was würde seine Familie sagen, wenn er mit einer jungen Frau nach Hause käme? Und er war selber Schuld. Schließlich war er ein zweites Mal zurückgereist, um genau sie ein weiteres Mal zu sehen. Ihr Blick hatte ihn bis ins Mark erschüttert, allerdings auf eine überaus angenehme Art und Weise. Er hatte wohl keine Wahl?

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Alina wurde sich in diesem Augenblick bewusst, dass sie noch immer auf dem Boden lag und sie beeilte sich aufzustehen. Eine hilfreiche Hand wurde ihr entgegengestreckt und nach einem kaum erkennbaren Zögern, ließ sie sich aufhelfen. Sie strich verlegen den Stoff des Kleides aus und die Gräser darauf ab. 

„Wie konntet ihr mir folgen?“ fragte er noch einmal und schien wirklich entsetzt zu sein.

Was machte er so ein Aufheben davon. Meine Güte, sie würde schon keinem erzählen, wie der Trick lief. Wie lief denn der Trick, überlegte sie im selben Augenblick? Sie wusste doch so und so nichts. Sie war ihm gefolgt, ja, und sie war ohnmächtig geworden. Also war alles, was in der Zwischenzeit passierte im Dunkel. 

„Ich werde nichts erzählen, weiß ja so und so nichts.“ Er sollte sich nicht so aufregen. „Sag mir einfach wo lang ich muss, um wieder auf den Marktplatz zu kommen.“

Er lachte auf, doch das Lachen klang weder belustigt noch erfreut. „Zum Platz? Da müsset ihr wohl eyn Jahr warten, Frouwelin.“

„Ha ha, sehr lustig.“ Irgendwie ärgerte er sie. Mochte sie noch so verliebt sein, das hatten er, oder die Marktleute, nicht auszunutzen.

„Das ist ganz und gar nicht lustig, Frouwelin. Es heyßt gar, dass ihr nun unser Gast seyd und zwar für eyn ganzes Jahr.“

„Na sicher.“ So ein Quatsch. „Du glaubst doch nicht, dass ich ein Jahr, wo auch immer bin, nur nicht Zuhause?!“ 

„Doch Frouwelin, das glaub ich gar wohl.“

„Und nenn mich nicht immer Frouwelin, Wir sind nicht mehr auf dem Markt, also kannst du ganz wie gewöhnlich reden.“

„Genau, das habet ihr gut erkannt, wir seyen nicht mehr auf dem Markt. Wir seyen da, wo das sey, was ihr in eurem Leben spielet.“

„Was soll das nun wieder heißen?“

„Wir seyen in der eurigen Vergangenheyt, Frouwelin.“

Was redete er da? In der Vergangenheit? So ein Quatsch. Schließlich begriff sie. Das gehörte zum Marktschauspiel dazu. Natürlich, wieso war sie da nicht gleich drauf gekommen. Sie sah sich um, irgendwo gab es sicher versteckte Kameras. 

„Was suchet ihr?“

„Die Kameras, was sonst.“

„Was sollt das gar seyn?“

„Ha, ha. Ich habs kapiert. Ihr könnt aufhören, es ist jetzt nicht mehr lustig.“ War es das überhaupt gewesen? 

„Frouwelin, ihr habet wohl nicht begriffen, wo ihr euch befindet?“

„Doch, und das ganze ist ein blöder Scherz.“

„Sey es nicht, das schwöre ich euch, bey allem, was mir heylig sey.“

Sie langte nach ihrer Tasche und fingerte nach dem Handy. „Wir haben es gleich, ich rufe meine Freundin an und die kommt um mich abzuholen.“

„Das bezweyfle ich stark.“ Er überlegte, „vielleycht in eynem Jahr, sofern sie weyß, wie sie durch das Tor zu gehen hätt.“

„Welches Tor? Sag mir einfach wo es ist und ich bin weg.“ Langsam verlor sie den Geduldsfaden. Sie würde sich beim Mittelaltermarkt-Chef beschweren, das war nicht mehr lustig.

„Das Tor zur Brücke in eure Zeyt, Frouwelin.“

Sie ließ ihre Augen genervt nach oben rollen. Ja, und im Himmel war Jahrmarkt. „Ehrlich, du kannst mit dem hochgestochenen Gerede aufhören.“ 

„Ihr wollt es nicht verstehen!“ Er war am Ende mit seiner Weisheit. Vielleicht sollte er seine Mutter holen, damit sie es ihr klarmachen konnte? „Ich werde jetzo nach Hause gehen und ihr solltet mitkommen.“

„Ich gehe nirgends hin, außer zum Markt.“ Sie setzte sich auf einen Baumstamm, der neben ihnen auf dem Boden lag und wählte Bettis Nummer an. The Person you have called is.... sie legte wieder auf. Kein Empfang, so ein Mist. „Also, ich warte hier, bis ihr euch ausgelacht habt, ok?“

„Ich kann euch nur empfehlen mit mir zu kommen. Es sey in der Nacht gar unleidlich im Wald.“

„So? Wer kann mir denn was wollen?“ Zur Zeit waren es nur die Marktleute, die ihr Kummer bereiteten und er gehörte dazu. Wieso sollte sie also mit ihm gehen?

„Die Tiere des Waldes seyen in dieser Zeyt nicht gar so ängstlich, wie in eurer, wo sie sich ständig vor den Menschen verstecken müssen.“

„In dieser Zeit!“ Sie wurde richtig wütend. „Ich finde es reicht langsam. Ich bleibe hier und basta.“

„Wie ihr meynet.“ Er zog die Schultern bedauernd in die Höhe und sah sie einen Augenblick lang an. „Ihr wisst gar wohl, dass ihr auf eynem Ameysennest sitzet?“

Wie von einer Tarantel gestochen sprang sie auf und klopfte ihr Kleid ab. „Das hättest du mir auch gleich sagen können.“ Jetzt spürte sie auch ein Kribbeln an ihren Beinen, hob den Rock an und wischte vorsichtig die Ameisen ab, wobei sie immer aufgeregter wurde und nur das Gegenteil von dem erreichte, was sie wollte. 

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Er trat zu ihr. „Haltet euren Rock, ich wische sie ab.“ Er riß ein Grasbüschel heraus und strich damit ihre Waden ab. Schließlich wischte er noch einmal mit den Händen über die Haut. Sie war aber auch zu ungeschickt. Wenn sie wirklich hier zurückbleiben wollte, sah er sich gezwungen bei ihr zu bleiben. Ihre Haut war weich und angenehm, er beeilte sich sie loszulassen und versuchte sich nicht vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, wenn er die Beine weiter oben berühren dürfte.

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Unerwartet gefiel ihr seine zarte Berührung viel zu gut. Sie trat einen Schritt zur Seite. „Danke, ist ok jetzt.“

Er erhob sich, verneigte sich und wandte sich zur Seite. „Und ihr wollet wirklich nicht mit mir gehen?“

„Nein, nein Danke.“ Sie schüttelte heftig den Kopf. 

„Gut, so soll es seyn.“ Er wandte sich vollends ab und ging mit großen Schritten ins Dickicht des Waldes. Vielleicht ließ sie sich überzeugen, wenn er so tat, als ginge er ohne sie?

Sie blickte ihm nach, während er in der Dämmerung und zwischen den Bäumen verschwand. Nicht wie zuvor, im eigentlichen Sinn, sondern ganz natürlich, Schritt für Schritt. 

Hinter ihr knackte es laut und ein tiefes Grummeln war zu hören. Sie zuckte zusammen. Mit einem Mal hörte sie alle Geräusche des Waldes überdeutlich. Und die Stille, die Einsamkeit, überfiel sie. Plötzlich war sie gar nicht mehr sicher, dass sie wirklich hier alleine bleiben wollte. Sie sah ihm hinterher, „warte!“ rief sie laut und verzweifelt, und eilte ihm nach.

Er kam ihr nur wenige Augenblick später entgegen. „Habet ihr es euch doch überlegt?“

„Ja, ich meine, hier ist ja keiner. Besser ich gehe mit, dann kannst du mich ja zum Markt bringen.“

Im Halbdunkel konnte sie sehen, dass er die Stirn kraus zog, aber er sagte nichts dazu. „Dann folget mir also.“

„Wie heißt du eigentlich? Ich bin Alina .“ Sie fand, wenn sie so durch den Wald gingen, sollten sie doch trotzdem wissen, wie sie hießen. Auch wenn sie dem ganzen Mittelaltermarktleuten am liebsten gehörig die Meinung gesagt hätte. Sie war sich sicher, dass dies für längere Zeit der letzte Markt war, den sie besucht hatte, was zuviel war, war eben doch zuviel.

„Adalhard“, sagte er, ohne ein weiteres Wort.

„Ah“, antwortete sie, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte, ebenso kurz.

Und so gingen sie durch die Dunkelheit, durch den dichten, wilden Wald und sie rückte bei jedem fremden Geräusch näher an ihn heran. Bis sie sogar nach seinem Arm fasste, um sich führen zu lassen und halt zu haben. Jetzt war sie doch froh, dass er sie nicht in der Einsamkeit zurückgelassen hatte. Er schien sie so sicher durch den Wald zu führen, als gäbe es für ein keine hereinbrechende Dunkelheit, und das obwohl der Weg, den sie entlang gingen, viel mehr ein Pfad war. Außer den Geräuschen, welche die Tiere verursachten, hörte sie nur Ruhe. Keinen Menschenlärm, keine Flugzeuge oder sonst welche Motoren. Er wusste ganz genau wohin er wollte und wo er entlang musste. Sie musste ihm trauen, auch wenn ihr das nach allem sehr schwer fiel.

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3

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Sie waren sicher an die zwei Stunden unterwegs gewesen, es war inzwischen schon ziemlich dunkel, als sich der Schatten einer Burg auf einem Hügel vor dem stahlblau-grauen Himmel abhob. Es sah gespenstisch und geheimnisvoll aus. Die zwei Türme standen in hellgraue Wolken gehüllt und der volle Mond stand inmitten eines riesigen Vorhofes über dem Bauwerk. Ab und zu verschwand seine Scheibe hinter den Wolkenfetzen, die vom Wind über den Himmel gejagt wurden. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. 

Aber nur einen Augenblick. Sie erkannte die Burg. Burg Rothestein! Die Burg, auf der leider keine mittelalterlichen Märkte mehr abgehalten wurden, weil sich eine Frau während solch einer Veranstaltung vom Turm in den Tod gestürzt hatte. Sie atmete erleichtert aus. Nun würde der Alptraum schnell ein Ende haben. Leise sagte sie: „Warum hast du nicht gleich gesagt, dass wir hier her kommen?“

Sie spürte wie sich unter ihrer Hand, die beinahe klammernd auf seinem Oberarm lag, seine Muskeln anspannten.

 „Es ändert nichts, Frouwelin, auch wenn es euch in diesem Augenblick so dünkt.“

Sie antwortete nicht, sondern folgte ihm weiter ins Tal und schließlich den Hügel zur Burg hinauf. Während sie so gingen begutachtete sie die Umgebung, und ein weiteres mulmiges Gefühl breitete sich in ihrem Inneren aus. Sie wusste, dass am Fuße der Burg ein Dorf, ja schon eine kleine Stadt angesiedelt lag, doch jetzt, konnte sie nicht ein einziges Licht wahrnehmen. Nicht eine Straßenlaterne, nicht ein beleuchtetes Zimmerfenster. Wo war die Stadt? Waren sie so spät in der Nacht dran, dass alle Laternen ausgestellt und die Menschen alle schon im Bett waren? Doch bei dem Mond müsste sie mindestens die Schatten von einigen Häusern erkennen können. Sie schluckte nervös, sagte aber weiter nichts, sondern folgte ihm, bis sie an ein kleines Seitentor der Burg gelangten. Er öffnete und bat sie mit einer einladenden Geste hinein in den Burghof. 

Etwa vier Fackeln flackerten, an vier verschiedenen Stellen an den Wänden und ließen den Hof noch gespenstischer erscheinen, als die Stimmung so und so schon war. Zögernd folgte sie seiner Einladung und trat auf den Hof. Er schloss die Tür hinter ihnen und übernahm erneut die Führung. Zielstrebig ging er auf eine große Holztreppe zu, die offensichtlich nach oben zum Eingang führte. Sie folgte schweigend weiter, obwohl doch auf ihrer Zunge so viele Fragen lagen. Als er das Tor öffnete, kam ihnen ein Schwall Kräuterduft und Rauchgeruch entgegen. Sie duckten sich durch den viel zu niedrigen Eingang und traten in die Halle ein. 

Alina fühlte sich vollkommen überrumpelt. Sie schaute sich verstohlen um und nahm doch jede Kleinigkeit auf, die sich ihr darbot. Sie standen noch immer im Eingang, während sich die Blicke aller anwesenden Menschen auf sie richteten. Und zwar nur auf sie. Sie zählte in aller Eile mindesten dreißig Menschen, alles gemischt, alt, jung, männlich, weiblich. Und alle, ohne Ausnahme, waren in mittelalterliche Kleidung gehüllt. Auf dem Boden lagen ausgestreute Kräuter, was den Duft erklärte, der ihnen beim Eintreten entgegengekommen war. So wie die riesige Feuerstelle, dem Eingang gegenüber an der Wand, mit einem Abzug nach oben, der über die ganze Feuerstelle reichte, nach der es ebenfalls stark roch. An den Wänden hingen Fackeln, die dem Raum in ein warmes Licht tauchten und die Schatten mal in die eine, mal in die andere Richtung tanzen ließen. Eine Frau und ein Mann erhoben sich von ihrem thronartigen Sessel und kamen ihnen entgegen. 

„Adalhard!“, sagte die Frau mit glücklicher Stimme. „Wir haben uns bereyts gesorgt.“ 

Adalhard umarmte die Frau, und der Ähnlichkeit wegen, vermutete Alina , dass es sich um seine Mutter handelte.

Der Mann, wahrscheinlich der Vater, fragte: „Wer sey es, die du hast da mitgebracht?“

„Eyn Missgeschick!“ Sagte Adalhard leise. So leise, dass sie es beinahe nicht gehört hätte, und sein Blick war auf den Boden gerichtet. 

Sein Vater zog die Stirn kraus. „So?!“ fragte er mit eisiger Stimme nach und richtete seinen Blick geradewegs auf Alina , so dass sie in sich zusammensackte. Sie fühlte sich wie eine Angeklagte. Doch plötzlich veränderte sich der Ausdruck des Mannes, wurde freundlicher. „Verzeyhet unsere unhöflichkeyt, meyn Frouwelin, seyd gegrüßet an dieser Stelle.“ Er verneigte sich höfisch. Auch die anderen Umstehenden verneigten sich kurz.

Der Blick des Mannes richtete sich wieder auf Adalhard und wurde erneut eisig. „Ich hätt es dir schon immer gesagt, es sey nicht gut, was du da tuhest.“

Adalhard sackte in sich zusammen, so wie eben sie selber. 

„Jetzo kann ich es gar nicht mehr ändern. Ich müsst warten, bis zur nächsten Sommersonnenwende.“ 

„Und so lang sollt sie unser Gast seyn?“ fragte der Mann lauernd.

Die Frau hob beschwichtigend die Hand. „Adalbert, seyd gemach.“ Sie warf einen kurzen Blick zur Seite auf Adalhard und auf Alina , „es wird schon gehen. Und das Frouwelin könnt sich ja auch eynbringen.“ Sie lächelte Alina entschuldigend an. „Wie sey euer Name?“

Adalhard antwortete anstatt ihrer: „Alina .“

Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Was war hier nur los? Wer waren all diese Menschen und vor allem, wo war sie wirklich gelandet? Konnte es wahr sein, was Adalhard gesagt hatte? Wie sollte es möglich sein? Und trotzdem, alles wirkte so echt, so anders als das, was sie bisher in Sachen mittelalterlichem Schauspiel erlebt hatte. Konnte es sein, dass man ein solch großes Theater durchgeführte, nur um Jemanden zu beeindrucken? Gab es doch irgendwelche versteckten Kameras, welche ihr Verhalten und ihre Entgegnungen aufzeichnete? Vielleicht sogar in Echtzeit im TV übertrug? So eine Art big brother für Mittelalter-Leute? Sollte sie schreiend nach draußen rennen oder auf Adalhard losgehen? Sie war völlig überfordert. 

Die Frau wandte sich erneut an sie. „Frouwelin, möchtet ihr etwas essen und euch mit uns an die Tafel setzen?“ 

Alina spürte ein Zittern, das ihr vom Bauch über den Rücken in den Nacken kroch. Die Stimmen drum herum verschwanden, als hätte jemand eine Glasglocke über sie gestülpt und es rauschte in den Ohren. Sie würde doch nicht schon wieder ohnmächtig werden? Sie war erst einmal bewußtlos gewesen und zwar bei der Verfolgung Adalhards, und nun gleich noch einmal? Die Glocke breitete sich weiter aus. Ihre Atmung ging stoßweise, als wäre nicht genug Luft im Raum. In weiter Ferne hörte sie die Frau reden.

„Adalhard, fang sie auf, sie scheynt in Ohnmacht zu fallen?“

Alina spürte gerade noch, dass sie nicht auf den Boden fiel, sondern von zwei starken Armen gehalten und gehoben wurde, ehe es vollends schwarz wurde.

​

4

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Als sie wieder erwachte, lag sie auf einem Kissen, auf einer Steinbank, nahe der Feuerstelle, eine Decke war über ihr ausgebreitet. Sie bewegte sich nicht, sondern beobachtete das Treiben um sich herum. Ging es nicht ein wenig zu weit, wenn die Hauptdarstellerin sogar in Ohnmacht fiel, nur weil sie mit dem was geschah nicht klarkam? Oder entsprach alles was er gesagt hatte der Wirklichkeit? War so etwas möglich? Konnte es tatsächlich sein, dass sie im Mittelalter gelandet war? Sie atmete schwer.

Schon trat die Frau an ihre Seite. „Ihr seyd erwachet, gut.“ Sie drückte ihre Hand vertrauenserweckend. „Meyn Name sey Haralde, ich sey die Mutter von Adalhard.“

Alina nickte. Sie fühlte sich genötigt ihr zu antworten, obwohl sie sich am liebsten die Decke über den Kopf gezogen und mit niemandem mehr ein Wort gesprochen hätte. 

„Das dachte ich mir schon.“ 

„Meyn Sohn macht diese Reysen jedes Jahr, ihr müsset ihn verzeyhen. Wir hätten ihm schon des Öfteren davor gewarnt.“ Sie schien ehrlich betrübt und betroffen. „Er sey keyn schlechter Mensch, nur etwas ungestüm und leyder auch viel zu neugierig. Niemand weyß, weshalb er Reysen in andere Zeyten unternehmet, noch wie es ihm möglich sey.“

„Ich begreife das alles nicht.“

„Neyn, das tun wir gar auch nicht.“ Sie tätschelte ihre Hand. „Ich bring euch sogleych Essen und etwas zu trinken.“

In Alina wuchs Argwohn. Was würde sie ihr zu Essen bringen? Sie sollte besser fragen. „Bitte, was gibt es denn zu Essen?“

„Eynen Hirsebrey mit Gemüse aus dem Garten.“

Gott sei Dank, so blieb es ihr erspart das Essen ablehnen zu müssen. „Das hört sich gut an.“ Mit einem Mal merkte sie, dass sie total ausgehungert war. Sie hatte das letzte Mal am frühen Vormittag etwas gegessen. 

Während Haralde das Essen holte, widmete Alina sich erneut dem Raum und den anwesenden Menschen. Sie sahen anders aus, als die Menschen, die sie kannte. Oder sollte sie lieber sagen, als die Menschen ihrer Zeit? Sie bemerkte, dass sie neugierig, aber trotzdem verhalten und ein wenig versteckt beobachtet wurde. Die Leute saßen in Gruppen zusammen. Einige Frauen saßen im Kreis und spannen Wolle zu Fäden, andere bestickten ihre Gewänder und webten Borten. Einige Männer schnitzten, was konnte sie nicht erkennen, und wieder andere saßen einfach nur zusammen und lachten oder sprachen miteinander. Die Kinder tobten zwischendrin herum, mal bei dem einen, mal bei einer anderen Gruppe. In einer Ecke entdeckte sie ein paar junge Frauen, mit Säuglingen und Kleinkindern. Zwischendrin liefen Hunde, verschiedener Rassen und Größen. Der Rauch, der es nicht bis in den Abzug schaffte, allerdings wenig, räucherte die Luft in der Halle, so dass alle Kleidung und Haare, einschließlich der Haut nach offenem Feuerrauch rochen. Auch die Decke, die sie ihr übergelegt hatten. Es fühlte sich alles erschreckend echt an. Machte man solch ein Aufheben um ein Schauspiel? Die Kräuter auf dem Boden sahen frisch aus, sie hob einen Salbeistengel samt Blättern an, und roch daran. Er war leicht angewelkt, roch aber stark. Ihr Blick wanderte wieder durch die Halle. Die Leute sahen zufrieden aus, müde, aber zufrieden und ausgeglichen. Gar nicht gequält oder leidend? Das war so gar nicht das Bild des Mittelalters, wie es beschrieben wurde.

Ihr Blick sucht unwillkürlich Adalhard. Wo war er? Hatte er die Halle schon wieder verlassen? Schließlich entdeckte sie ihn ganz am Ende, nahe des Ausganges. Eine Gruppe junger Männer umringte ihn und hing an seinen Lippen. Erzählte er gerade von den Leuten aus der anderen Zeit? Von der dummen Tussi, die ihm gefolgt war? In ihrem Bauch und Herz stach ein unsichtbarer Stachel. Und erschreckt stellte sie fest, dass sie inzwischen bereit war zu glauben, was doch so unglaublich schien. Es war nicht nur das, was sie mit eigenen Augen sah, sondern noch mehr das, was sie in ihrem Herzen fühlte.

Haralde kam mit dem Essen in einer Schale. Es roch ungewohnt aber gut. Sie richtete sich auf, schließlich war sie ja nicht krank, nur verwirrt. Dankbar nahm sie die Schale und den Löffel aus Holz und begann zu essen. Es war unerwartet lecker. 

Haralde lächelte sie an. „Ich sey bey den Stickerinnen, falls ihr eynen Wunsch habet."

Alina schüttelte den Kopf, als ihr etwas einfiel. „Soll ich hier schlafen?“

Haralde schüttelte den Kopf. „Neyn, ihr werdet bey den Mägden und jungen Frouwen schlafen. Ich hätt schon alles veranlasst.“ 

Bei den Mädchen und Frauen also. Nun, das war vielleicht das Beste? 

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Immer wieder ertappte sie sich dabei, wie sie einen Blick zu Adalhard warf. War er nicht für sie verantwortlich, sofern seine Geschichte stimmte und er sie hier in die andere Zeit geschleppt hatte? Hatte er das? War sie nicht einzig und allein selber Schuld an ihrem Unglück? Warum war sie ihm gefolgt? Aus demselben Grund, weshalb sie auch jetzt immer wieder seinen Blick suchte, schoss es ihr durch den Kopf, weil sie sich in ihn verliebt hatte und das auf den ersten Blick! Aber er schien sich nicht sonderlich für sie zu begeistern? Im Gegenteil, sie war nur ein lästiger Unfall, eine Bürde, die er sobald wie möglich wieder loswerden wollte. Doch wenn all sein Gerede der Wahrheit entsprach, dann saß sie hier für ein Jahr fest. Und Betti? Suchte sie bereits nach ihr, oder war sie so mit ihrem Schmied beschäftigt, dass sie ihr Verschwinden noch gar nicht wahrgenommen hatte? Während sie in ihren Gedanken schwelgte, ging ein älterer Mann durch die Gruppen, sagte etwas zu jedem und ging weiter. Für den Augenblick hatte er ihre Aufmerksamkeit. Als er zu ihr kam, sagte er: „Frouwelin, es sey Zeyt sich auf die Nachruhe vorzubereyten.“ Und schon ging er weiter. Ein Nachtwächter, so zu sagen? 

Eine junge Frau trat heran und verneigte sich, allerdings nicht sehr freundlich. „Ihr sollet bey uns schlafen, kommt, dass ich euch euren Schlafplatz zeyge.“

Alina erhob sich, legte die Decke zusammen und sah sie fragend an. „Wohin mit der Decke?“ 

„Die solltet ihr gar mitnehmen, es wird kalt in den Nächten.“

Alina nickte und folgte ihr. „Ich heiße übrigens Alina“, sagte sie um ein Gespräch in Gang zu bringen und um den Namen der Frau zu erfahren.

Die nickte und antwortete: „Ich weyß.“ 

Das war´s? Sie war unhöflich. Was hatte Alina ihr denn getan? 

Schließlich hatte sie wohl ihre bösen Gedanken gespürt, denn sie drehte sich zu ihr um, „ihr brauchet nicht glauben, weyl euch Adalbert und Haralde freundlich aufnahmen, dass euch gleychsam alle anderen auch wohlgesonnen seyen.“ Sie blickte Alina herausfordernd an. „Und erst Recht solltet ihr nicht glauben, dass Adalhard für euch zur Verfügung stünde, wir seyen gar beynahe verlobet.“ Damit wandte sie sich wieder ab und ging weiter zur Außenwand auf eine Holzabstufung zu, die offensichtlich als Bett diente, denn einige der Mädchen und jungen Frauen waren bereits dabei ihre Strohmatten und Decken auszubreiten. Die eine, die anscheinend ihre Feindin sein wollte, sagte ohne sich erneut umzuwenden: „Eyne Matte läg bereyts dort für euch. Legt euch ans äußere Ende, das sey nahe genug.“ Mit diesen abschließenden Worten ließ sie Alina stehen und ging zu den anderen Mädchen und jungen Frauen. 

Alina fühlte sich verraten und verkauft. Hier sollte sie schlafen? Zwischen diesen Frauen, die sie anscheinend haßten, weil sie ihnen Adalhard wegschnappen wollte? War es nicht genau das, was sie kurz zuvor in Erwägung gezogen hatte? Aber für ihre Gefühle konnte sie doch nichts, ebenso wenig wie die andere. 

Sie schaute sich bei den anderen ab, was sie mit der Matte zutun hatte und legte sie am äußersten Rand, wie gewünscht auf die Erhöhung aus Holz. Und wo sollte sie aufs Klo gehen? Sie sah sich Hilfe suchend um. Es half wohl nichts, sie musste die nächst beste fragen.

„Entschuldigung, wo kann ich denn auf Kl...“ sie unterbrach sich, Klo hieß es hier wahrscheinlich kaum, „ich meine wo kann ich mich erleichtern?“

Die junge Frau, die sie angesprochen hatte, lächelte zart, kaum sichtbar, anscheinend empfand sie nicht den gleichen Haß wie die andere. „Ich zeyg es euch.“ Und schon ging sie vorweg, durch die Halle, durch den Eingang, nach draußen über den Hof und bis zu einer Grube, die nur mit ein paar Holzwänden eingerahmt war. Wie schrecklich! Musste sie wirklich hier aufs Klo gehen? Und wie war das erst im Winter? Sie schauderte. 

„Sollt ich auf euch warten?“

„Das wäre nett, danke.“ Alles sträubte sich dagegen, doch sie musste, schon eine ganze Weile, es half nichts. Es war schon auf den fortschrittlichen Toiletten ihrer Zeit schwierig mit den langen Kleidern, aber hier, wo sie nur über einem Loch hing? Irgendwie brachte sie es Zuende und trat wieder heraus. Die Frau hatte auf sie gewartet. 

„Ich bin Alina “, versuchte sie einen weiteren Ansatz.

„Meyn Name sey Alda, ich sey eyne Schwester von Adalhard.“ Sie nickte mir freundlich zu.

„Aha.“ Das erklärte zumindest, weshalb sie nicht eifersüchtig war und ihr freundlicher begegnete als die andere. „Wie heißt die Frau, die mich zum Schlafplatz gebracht hat? Hast du sie gesehen?“

„Das sey Wilgund.“ Alda lachte leise, „ihr solltet sie nicht so ernst nehmen, sie sey immer eyn wenig grummelig.“ 

„Und sie ist die Verlobte von Adalhard?“

Alda lachte entzückt. „Das hätt sie wohl gern, weyl er dereynst die Burg erben wird und sie dann die Burgherrin werden würde.“

Dann stimmte es gar nicht! Wahrscheinlich würde jeder den riesigen Stein hören, der ihr gerade vom Herzen fiel? 

„Danke, ist nett, dass du mir das sagst. Ich meine, dass sie Wilgund ist.“ Sie gingen schweigend weiter. Alina wusste nicht, was sie fragen sollte. Hinterher fielen ihr wahrscheinlich viele Fragen ein. 

Als sie bei den Nachtlagern ankamen, hatten sich ein Teil der Mädchen und Frauen bereits bis auf das Unterkleid entkleidet und lagen auf den Matten. Die anderen waren im Begriff das gleiche zutun. Alina beschlich ein eigenartiges Gefühl. Auf die Gefahr hin, sich einen Fehler zu erlauben, legte sie sich samt ihres Kleides ins Bett. Sie hatte gar kein Unterkleid an, welches sie als Nachthemd nutzen konnte und im BH und Slip oder nackt wollte sie hier nicht liegen. Womöglich schlichen sich in der Nacht irgendwelche Burschen heran und fielen über die Mädchen und Frauen her? Sie bekam misstrauische Blicke zu spüren, aber es war ihr egal.

​

Adalhard blickte unbemerkt zu ihr. Sie legte sich samt ihres Kleides auf das Nachtlager und sie schien verunsichert. Das Allerschlimmste an der Lage schien, dass er nicht gar so traurig darüber war, sie hier zu haben. Dabei sollte es ihn bekümmern, dass sie ihm gefolgt war. Aber nachdem der erste Schrecken darüber verflogen war, gefiel es ihm. Schließlich hatte irgendetwas an ihm sie veranlasst, so zu handeln. Er würde zwar kaum erwarten können, dass sie bei ihm blieb, wenn er sie fragte, aber vielleicht würde sie ihm die Fragen beantworten, die ihn so entflammten und immer wieder lockten, die Reise in die andere Zeit zu unternehmen. Er legte sich auf sein Lager, während er sie weiterhin heimlich beobachtete. Sie war so anders, als die Frauen hier. 

 

Als alle in ihren Betten waren, wurde das Licht gelöscht. Lediglich eine Fackel am Eingang blieb an. Es war ziemlich dunkel in der Halle. 

Ganz plötzlich traf sie die Erkenntnis mit voller Wucht, wie ein Schlag in die Magengrube, dass Adalhard Recht hatte. Sie war hier in der Vergangenheit, so unglaublich das auch schien. Sie saß nicht in irgendeinem Heerlager ihrer Zeit, nicht im Schlafzelt eines neuzeitlichen mittelalterlichen Markstandes. Sie konnte nicht ihre Isomatte unter ihre Strohmatte legen und sie hatte auch keine Taschenlampe, die sie in der Nacht und Dunkelheit zücken konnte. Und hätte sie eine gehabt, würde diese höchstens ein paar Tage reichen, dann wäre die Batterie geleert und eine Steckdose gab es auch nicht. Und so zog sie ihre Decke fest um sich und drückte sich tief in die Matte, während sie auf die Geräusche ringsherum lauschte. Es dauerte nicht lange, bis alle Menschen und auch die anwesenden Tiere schliefen und manche auch schnarchten. Wie sollte sie das überstehen? Sie hatte schon immer Schwierigkeiten gehabt, in der Nähe von anderen, besonders schnarchenden Menschen zu schlafen. Doch irgendwann hatte ihr Kopf genug davon gemartert zu werden und die Müdigkeit überfiel sie schließlich doch. Vielleicht wachte sie am Morgen auf und stellte fest, dass sie nur einen lebensnahen Traum gehabt hatte, nicht mehr und nicht weniger? 

​

5

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Hunde bellten. Alina erwachte und schlug die Lider auf. Nichts hatte sich geändert. Sie befand sich noch immer in der Halle, auf der Strohmatte, zwischen den anderen jungen Frauen und Mädchen, die so wie sie, gerade erwachten. Ein Blick nach draußen durch die schmalen Fenster zeigte ihr, dass es gerade erst dämmerte. Es musste demnach noch recht früh sein. Viel zu früh, um schon aufzustehen. Eine warme, schmale Hand legte sich auf ihre Schulter und sie drehte sich schlaftrunken um. Alda saß neben ihr auf der Matte und lächelte sie an. 

„Zeyt aufzustehen, Alina .“

„Was?“

„Wir hätten heut gar viel zu schaffen.“

„Was denn?“

„Die Schnitter kommen, um das Korn zu mähen und wir müssen es zusammentragen und bündeln.“

Alina überlegte einen kurzen Augenblick ob es Sinn hätte, weiter mit Alda darüber zu reden, dass dies nicht ihre Aufstehzeit war, doch sie entschied sich dagegen. Hier, war es wohl die richtige Zeit? Und so schälte sie sich aus ihrer Decke, guckte sich bei Alda ab, was diese mit der Matte und der Decke machte und tat es ihr nach. Am Tag war der Schlafplatz somit für anderes nutzbar und die Matten lagerten in einer Ecke, bis sie abends wieder gebraucht wurden. Als sie fertig und von dem Absatz herunter getreten war, sah sie sich heimlich nach Adalhard um, doch sie konnte ihn nirgends entdecken.

​

Adalhard stand im Schatten des Eingangs zum Turmaufgang. Er sah hinüber zu Alina , deren Zeit diese in keiner Weise zu sein schien. Er hatte sich und ihr etwas angetan, das er nicht rückgängig machen konnte, jedenfalls nicht heute und nicht morgen. Und immer wieder fragte er sich, wie sie hatte so dumm sein können, ihm zu folgen? Was hatte sie bloß geglaubt zu finden? Er beobachtete sie, wie sie schlaftrunken hinter Alda hinterherging und sich immer wieder wie suchend umsah. Es half nichts, sie mussten da durch, beide.

​

Alina folgte Alda zur gerade aufgestellten Tafel, die aus mehreren Holzböcken und Brettern zusammengestellt wurde. Einen fertigen Tisch konnte sie nicht entdecken. Am Herdfeuer machten sich schon ein paar Frauen zu schaffen, dem Geruch nach gab es wieder einen Brei. Sie fühlte sich so fehl am Platz. All die Besuche der mittelalterlichen Märkte und Heerlager, gaben nur einen Ansatz von dem wieder, was sie hier erlebte. Und immer hatte sie im Hinterkopf die Sicherheit gehabt, dass sie ja schon am Sonntag wieder zu Hause in ihrer Wohnung sein konnte, um sich zu duschen und eine CD in den Spieler einzulegen. Oder, um auf dem weichen Sofa abzuspannen, und im Fernsehen einen mittelalterlichen Film anzusehen. Davon zu träumen, wie toll es wäre in der alten Zeit zu leben und womöglich einem ritterlichen, vollkommenen Wunsch Mann zu begegnen. Wie es wirklich war, sich in dieser Zeit wiederzufinden, bedeutete etwas ganz anderes. Sie wusste ja nicht einmal, ob es in dieser Zeit, in der sie gelandet war, Ritter oder Ritterlichkeit gab? 

Alda ging an der Tafel vorbei nach draußen, wo schon eine ganze Schar Menschen nackt um einen Ringbrunnen herum standen und sich eimerweise mit kaltem Wasser überschütteten. Das also war eine mittelalterliche, morgendliche Dusche? Wie furchtbar. Und wie würde das wieder erst im Winter sein? 

Sie hielt Alda am Arm zurück, auf das sie sich zu ihr umwandte. „Was macht ihr denn im Winter? Wascht ihr euch da auch draußen?“

Alda lachte leise. „Manche.“

„Also nicht alle? Ist kein Zwang oder so?“

Sie schüttelte den Kopf. „Aber gesund sey es schon. Die meysten gehen jedoch des Winters lieber in den See, weyl sich sonst das Eys um den Brunnen zu weyt ausgebreyten würde und wir keyn Wasser mehr ziehen könnten.“

Alina nickte und fröstelte. Schon der Gedanke im Winter in einem See baden zu müssen, ließ sie schaudern. „Ich hoffe ich muss nicht in den See.“

Alda lachte erneut. „Das bleybt jedem überlassen, doch man fühlt sich gar doch viel wohler, wenn kaltes Wasser die Haut und den Körper erfrischet und reynigt.“

Alina zuckte mit den Schultern, sie bezweifelte, dass der Wunsch nach Sauberkeit sie zu solch einem Winterbad verleiten könnte. „Ich habe mich gerade gestern erst gewaschen, ich brauche jetzt nicht.“ Die Vorstellung sich hier zwischen all den Leuten auszuziehen und nackt dazustehen, gefiel ihr nicht. Sie stellte sich an die Wand und sah bedrückt zu, wie die anderen duschten, als sie Adalhard entdeckte, der sich ebenfalls zu den anderen gesellte. Schnell hatte er sich seiner Kleidung entledigt und überschüttete sich prustend wie die anderen mit einem Eimer Wasser. Verschämt wandte sie den Blick ab, suchte nach etwas, das sie ablenken könnte. Sie verstand sich nicht, eben hatte sie den anderen ohne Schwierigkeiten zusehen können, und nur weil er jetzt dabei stand, ging es nicht mehr? Aber der flüchtige Blick, den sie trotzdem wagte, zeigte ihr, dass Adalhard äußerst gut gebaut und ansehnlich war, kein bisschen Fett zu viel, kein Muskel wie er nicht sein sollte. Sie widmete sich schnell wieder der Mauer, dem Stall und den Frauen, die sie unverfänglich ansehen konnte.

Schließlich kam Alda wieder zu ihr zurück und sie gingen hinein zum Frühstück. 

„Wo sind denn die Felder? Und wieso machen wir die Arbeit und nicht die Bauern?“

Alda sah sie zweiflerisch an, als hätte sie nicht mehr alle beisammen. „Es seyen doch unsere Felder und nicht die irgendwelcher Bauern.“

„Ich dachte nur, weil ich es so gelernt, ich meine, …“ Sie wusste nicht mehr weiter. In jedem Schulbuch wurde es doch so gelehrt. Die Bauern machten die Arbeit für die hohen Herren und Damen. Und die hohen Leute lebten in Saus und Braus, während die kleinen darben.

Unvermittelt musste sie an zu Hause denken. Ob Betti nach ihr suchen ließ? Es wartete keine Familie, oder Mann auf sie, worüber sie zwar froh war, aber andererseits würde sie so auch kaum einer vermissen. Und es gab auch kein Tier, das elendig verhungern oder leiden würde, jetzt, da sie nicht wieder nach Hause käme. Allerdings würde es ihr auch nicht helfen, dass sie keinen Mann hatte, jedenfalls nicht in Bezug auf Adalhard. Sie bezweifelte stark, dass eine Buchhändlerin hier eine sinnvolle Aufgabe finden würde, jedenfalls als Buchhändlerin, zumal die Menschen hier wahrscheinlich nicht einmal lesen konnten. Ihren Gedanken nachhängend, setzte sie sich mit Alda auf eine der Brettbänke, die ebenso wie die Tafel auf Böcken lagen und ließ sich eine Holzschale geben. Inzwischen waren auch alle anderen hereingekommen und setzten sich zum Essen nieder. Fünf große Töpfe wurden auf der Tafel verteilt und je zwei große Holzkellen in die Schalen gestellt. Ein jeder zog seinen eigenen Holzlöffel hervor, nur sie hatte keinen. 

Doch Alda hatte an sie gedacht und reichte ihr auch einen.„Das sey nun eurer, bindet ihn an eurem Gürtel fest.“

Alina nickte, wartete bis Alda ihr die Schale mit einem Brei gefüllt hatte und starrte in die gelbgraue Masse. Was war das nun wieder? 

Alda bemerkte ihr Zögern: „Esst jetzt, ihr werdet einen gefüllten Magen brauchen. Es sey Hirsebrey, nichts weyter.“

„Danke.“ Und das meinte sie in jeder Beziehung. Schließlich empfand sie es nicht als selbstverständlich, dass sie mit Essen, einem Dach über dem Kopf und einem Bett versorgt wurde, obwohl sie offensichtlich ein ungebetener Gast war. Sie sah sich nebenbei nach Adalhard um. Er saß weiter unten am Kopfende, nahe seinen Eltern und als hätte er ihren Blick gespürt, sah er unerwartet auf, ihr geradewegs in die Augen. Sie zuckte zusammen, als hätte sie ein Blitz getroffen und sah schnell wieder auf ihre Schale herunter. Der Brei schmeckte nicht besonders, er war kaum gesalzen und etwas zäh, doch in diesem Augenblick schmeckte er köstlich, jedenfalls tat sie so. Nach einiger Zeit wagte sie einen weiteren Blick zu ihm. Schaute er noch herüber? Und tatsächlich, er sah weiterhin, oder schon wieder zu ihr. Ein feines, kaum erkennbares Lächeln lag auf seinen Lippen. Machte er sich über sie lustig? Sie schlug ihren Löffel in den letzten Rest Brei und hatte doch in Wahrheit keinen Hunger mehr. Gott sei Dank waren die meisten mit dem Essen fertig, so dass eine allgemeine Aufbruchsstimmung herrschte. Sie beeilte ihren Becher mit köstlichem Wasser zu leeren und hinter Alda herzugehen. 

„Was soll ich denn jetzt machen?“

„Als erstes eynmal müssen wir euch eyne passende Gewandung suchen. So, in eurem schönen Kleyde, könnet ihr keyne Arbeyt leysten.“

Bekam sie nun einen schlottrigen Leinenkittel, in dem sie Adalhard nicht mal mehr eines Blickes würdigen würde? Sie folgte ergeben in eine Kammer an der Seitenwand. Alda suchte in einer Truhe und hob nach kurzer Zeit ein naturfarbenes schlichtes Kleid hervor, dass sie ihr überreichte. 

„Das dürfte passen?“

Alina hielt es an ihren Körper, Alda hatte wohl Recht. „Und wo soll ich mich umziehen?“ fragte sie etwas blöd. 

„Das könnet ihr hier gar tun“, sie nickte auffordernd.

Alina sah sich gezwungen ihrer Aufforderung nachzukommen. Schnell hatte sie ihr Kleid ausgezogen und stand in Unterhose und BH da. Erst in diesem Augenblick fiel ihr ein, dass Alda sie wahrscheinlich wie ein siebtes Weltwunder ansah, wenn sie jetzt aufsah, weil sie weder einen Slip noch einen BH kannte. Sie wagte einen Blick auf Alda und sah sich bestätigt.

„Das sey gar eyne seltsame Unterwäsche“, sagte sie höflich und reichte ihr das andere Gewand, während sie versuchte nicht zu aufdringlich auf Alina s merkwürdige Unterkleidung zu starren. 

Alina zog sich schnell das Kleid über, band sich den Gürtel um, den Alda ihr hinhielt und war froh als sie fertig angezogen dastand.

„Meynet ihr nicht, dass euch eyn wenig zu warm wird mit dem Brustwickel?“

Mit Brustwickel meinte sie wohl den BH? Sie schüttelte schnell den Kopf. Ohne BH fühlte sie sich nackt, egal wie viel Stoff oben drüber lag. 

Alda nickte zweifelnd, nahm aber hin, wie sich Alina entschied. 

„Und wenn ich jetzt vorher muss?“

Alda lachte. „Ihr könnet doch unterwegs gehen oder nahe dem Feld.“

So einfach, während alle anderen mitgingen und ihr womöglich zusahen? 

Alda lächelte noch, während sie Alina s zweifelndes Gesicht ansah. „Der ganze Wald stehet euch zur Verfügung.“ Sie schüttelte den Kopf, „ihr seyd in eyner eygenartigen Welt aufgewachsen, wo euch solche Dinge fremd seyn.“ 

​

6

​

Nach einer guten halben Stunde waren sie alle am Feld angekommen. Wirklich jeder der laufen und arbeiten konnte, war mitgekommen, naja, bis auf die, welche Haus und Hof hüteten. Die Schnitter warteten bereits. Sie würden, wie Alina erfuhr, ein paar Tage Gäste bleiben, weil es weitere Felder gab, die bearbeitet werden mussten. Aus den alten Saufliedern wusste sie, dass diese Männer ziemliche Raufbolde sein sollten. Und sie machten auch vor keiner Frau halt, wie es in den Liedern besungen wurde. So wie auch die Drescher, die im Anschluss kamen, um das Korn von der Spreu zu trennen. Sie würde sich in Acht nehmen. Zu dem Korn stand noch das Heu für die Großtiere an. Sie beobachtete wie sich die Schnitter, nachdem sie den Burgherren und einige andere, offensichtlich bekannte Leute, begrüßt hatten, in einer Reihe aufstellten und ihre Sensen bereit machten und schon ging es, Schritt für Schritt in einer Reihe nach vorne, durch das Korn. Hinter ihnen liefen schon die ersten, um das Korn zu Garben zusammenzufügen. Alina staunte. So sah das also aus? Alles schien gut überlegt und geplant. Alda zog sie am Arm mit sich und teilte sie ein. Kaum einen Wimperschlag später, fand sie sich beim Korn aufsammeln und zu Garben binden wieder. 

Und so ging es weiter, Stunde um Stunde. Als die erste Pause eingelegt wurde, merkte sie das erste Mal, wie fertig sie von der ungewohnten Arbeit war. Sie entdeckte eine freie Stelle unter einer kleinen Birke am Rand und setzte sich müde darunter. Wo war Adalhard? Im gleichen Augenblick, da sie sich nach ihm umsehen wollte, hörte sie ein helles plätscherndes Lachen. Es war Wilgund, die neben dem barhäuptigen Adalhard am abgeernteten Feldrand saß und aufgekratzt, überlaut lachte, als hätte Adalhard den besten Witz aller Zeiten gemacht. Alina stieß ihr Gehabe sauer auf. Am liebsten hätte sie neben ihm gesessen und mit ihm gelacht anstatt dieser blöden Wilgund. 

Was war sie auch so dumm einem Mann zu folgen, der viele hundert Jahre älter als sie selber war und den zu allem Überfluss eine andere haben wollte? Es war eben einfach idiotisch nur weil einem plötzlich die Schmetterlinge im Bauch tanzten, hinter jemandem her zu gehen, den man noch nicht ein bisschen kennengelernt hatte. Verstimmt widmete sie sich dem Stück Brot, welches ihr Alda gegeben hatte, und biss hinein, als wäre es Wilgund, der sie in die Hand biss. Jetzt merkte sie allerdings, wie hungrig sie war. Sie saß allein da, die anderen lachten und wer nicht im Schatten unter einem Baum saß, lag im Gras am Rand oder ruhte sich sonstwie aus. Die Sonne stand schon recht hoch, aber Mittag war es wohl noch nicht, ihrer Schätzung nach? Sie sah einigen der Schnitter zu, die den Legenden um sie anscheinend gerecht werden wollten und aufdringlich mit den Mädchen flirteten. Gott sei Dank war bisher keiner auf sie selber aufmerksam geworden. Sie schaute erneut zu Adalhard.

Er erhob sich gerade und kam geradewegs auf sie zu. Am liebsten hätte sie sich hinter dem Baum versteckt. Sie verstand ihr Verhalten selbst nicht mehr. Vielleicht bog er ab? Nein, er kam zielstrebig auf sie zu und sie konnte nicht umhin seinen sehnigen, schlanken und nackten Oberkörper und seinen federnden Gang zu bewundern. Keine zwanzig Schritte mehr und er hatte sie erreicht. Sie schaute zur Seite, wieder zu ihm, wieder zur Seite. Das war doch zu lächerlich. War sie denn ein kleines Mädchen, welches ihrer ersten Liebe gefallen wollte, sich aber nicht traute? 

„Warum setzet ihr euch nicht zu uns herüber, wir hätten gar auch Schatten dort?“ fragte er unvermittelt in ihre Gedanken hinein.

Sie nickte. „Gern“, brachte sie noch heraus, ehe ihre Stimme versagte. Ihre Knie wurden weich, weil ein Windhauch ihr seinen Geruch herüber wehte. Und er roch viel zu gut. Eine Mischung aus Mann, dem Rauch eines offenen Feuers, feinem Schweiß, Sonnengebräunter Haut, Kornfeld und Sommer. Trotz ihrer wackeligen Knie versuchte sie aufzustehen und strauchelte natürlich. Wie peinlich! 

Wieder war es seine sonnengebräunte Hand, die sich ihr hilfreich entgegenstreckte. Ihre eigene zitterte, als sie seine ergriff und sich aufhelfen ließ. Sonst war sie doch auch nicht so ein Trampel? Sie konnte weder klar denken, wenn er in der Nähe war, noch sich vernünftig bewegen. Als sie stand, sammelte sie sich einen Augenblick, ehe sie fragte:

„Hat denn Wilgund nichts dagegen?“

„Was sollte sie dagegen haben, Frouwelin? Und wenn dann könnt sie ja eynen anderen Platz aufsuchen.“

Alina lächelte ihn schüchtern an. Wenn er es so sah, dann wollte sie nicht weiter widersprechen. Er hielt noch immer ihre Hand. „Ich glaube, ich kann wieder stehen, danke“, sagte sie, weil sie nicht wusste, wie sie darauf eingehen sollte. Er ließ sie los und ging voran zu den anderen. Alina folgte ihm brav, wenn sie doch in Wahrheit am liebsten gestorben wäre. Schließlich saßen sie eine kurze Zeit zusammen, als auch schon wieder zur Arbeit gerufen wurde. 

Und so ging es den ganzen Tag, mit kurzen Pausen, bis in die Dämmerung hinein. Hundemüde wankte sie nach Hause und wunderte sich, wie die anderen, nach diesem anstrengenden Tag, so fröhlich lachen und schwatzen konnten. Sie war einfach nichts gewohnt. In der Halle war bereits die Tafel aufgestellt und gedeckt, ein paar gute Hausgeister hatten dies getan, eben die, die nicht mit aufs Feld gegangen waren. Sie aß in Eile ihren Hirsebrei und das Gemüse, ehe sie sich eine unauffällige Ecke suchte, wo sie sich in aller Ruhe hinlegen und ein wenig vorschlafen konnte. Sie war eine Schande der Menschheit, wenn sie sich diese Leute hier so ansah. Trotzdem schlief sie selig ein.

Und nach dem gleichen Muster würden auch die nächsten Tage ablaufen: Früh aufstehen, arbeiten bis zum Umfallen, zum Essen nach Hause und nur noch schlafen. 

​

7

​

Erst als sie eine Hand an der Schulter wahrnahm, die sie sanft rüttelte, wachte sie wieder auf. Sie blickte geradewegs in Adalhards kantige, dennoch feine Gesichtszüge. 

„Es sey Schlafenszeyt. Ihr solltet auf euer Lager gehen, da lieget ihr besser für die Nacht.“

Alina nickte. Sie sah sich um, waren die andern alle schon in ihren Betten? Und die Schnitter, wo schliefen die? 

„Suchet ihr wen?“ fragte Adalhard nach, als er ihren Blick bemerkte.

„Eh, nein.“ Sie hoffte, dass ihre Stimme nicht zu ängstlich war, denn sie wollte sich nicht bloßstellen, dass sie Angst vor diesen Männern hatte.

Er zuckte die Schultern. „Die Schnitter lägen dort hinten, bey den Jung Herren.“ Er sah ihr prüfend ins Gesicht, warum wollte sie das wissen? „Ihr brauchet euch um sie nicht zu sorgen, wir gäben schon acht“, fügte er hinzu.

Sie lächelte mit einem Mal. War sie so leicht zu durchschauen? „Dann ist es ja gut.“ Sie erhob sich und hielt ihm mutig die Hand hin. „Gute Nacht.“

Er sah auf ihre Hand herunter. „Machet man das so bey euch?“

Sie nickte. Er brauchte nicht zu wissen, dass sie nur seine Haut, seine Hand, ihn spüren wollte und wenn auch nur für wenige Augenblicke.

Er gab ihr seine Hand und hielt ihre fest. Nicht nur ein paar winzige Augenblicke, sondern ein paar wunderbar lange Augenblicke. Sie musste unwillkürlich über das ganze Gesicht lächeln. Schließlich ließen sie sich los und jeder ging zum eigenen Schlafplatz herüber. Trotzdem konnte sie nicht umhin sich noch einmal nach ihm umzusehen. Und er erwiderte ihren Blick.

​

Sie und Adalhard kamen sich näher und näher. Sie saßen immer zusammen, wenn die Pausen gehalten wurden und oft gingen sie gemeinsam nach Hause zurück. Sie suchten die Nähe des anderen, wie ein Fisch das Wasser suchte. Auch wenn sie beide etwas schüchtern waren, so wussten sie gleichwohl was der eine für den anderen empfand. Doch zu der immer stärker wachsenden Verliebtheit ihrerseits, gesellte sich ein ebenso wachsendes Heimweh und Verlustgefühl. Mit jedem Tag kam ihr alles fremder vor. Die Menschen waren lieb und bemüht, bis auf Wilgund natürlich, die keine Zickerei ausließ, um Alina zu ärgern. Und trotzdem fragte sie sich zunehmend, wie sie ein Jahr hier überleben sollte? Zudem bekam sie Zahnschmerzen, was dem Gefühl heimisch zu sein nicht zuträglich war. Sie wollte aber auf keinen Fall zu einem Barbier, der im Mittelalter auch die Rolle des Zahnarztes übernommen hatte, also schwieg sie. Doch es pochte immer öfter.

Schließlich sprach Haralde sie darauf an. „Ihr habet schon seyt Tagen Zahnschmerzen, oder?“ 

Alina nickte betrübt. „Es wird schon wieder weggehen.“

„Nicht, wenn ihr gar nichts unternehmen wolltet.“

„Ich will auf keinen Fall zu einem Zahnreißer!“ sagte sie mit Nachdruck.

„Eyn Zahnreißer? Neyn, ich meynt die richtigen Kräuter, um den Schmerz zu nehmen und die Entzündung zu entfernen.“

Alina atmete erleichtert auf. „So was habt ihr hier?“

Haralda sah sie ein wenig mitleidig an. „Was glaubet ihr denn gar, wo ihr euch befindet?“

Im Mittelalter, fiel es Alina spöttisch ein. Und da gab es nur einen Weg, Zahnschmerzen loszuwerden, jedenfalls hatte man ihr das bis jetzt weismachen wollen. Nun, das alles konnte sie Haralde kaum klarmachen, also behielt sie es für sich. Aber sie nahm sich vor, Adalhard anzusprechen. Er hatte das 21. Jahrhundert schon des öfteren bereist, sie wollte mit ihm über ihre Zeit reden, damit das Heimweh verschwand. 

„Kommet, ich geb euch die richtigen Kräuter. Aber haltet euch an die Eynnahme, so wie ich sie euch auftrage.“

Alina nickte ergeben und folgte Haralde in den Garten. Es roch und duftete dort nach Blumen und nach Kräutern. Alles war bunt durcheinander gewachsen, als hätte es sich selbst ausgesät, doch sie wusste, dass auch hier ein genauer und gut durchdachter Plan dahinter steckte. Alda hatte ihr alles erklärt, welche Pflanze neben welcher anderen stehen musste, damit die Schnecken nicht die Ernten vernichteten. Oder damit eine Pflanze besser wuchs, oder eine andere den Boden für die nächste vorbereitete. Alina liebte diesen Garten. Sollte sie einmal wieder nach Hause gelangen, würde sie sich genau so einen Garten anlegen, sie musste nur noch mehr darüber lernen. 

Sollte sie nach Hause kommen! Soweit war sie schon, dass sie bezweifelte wieder in die eigene Zeit zurückzugelangen. Nun, sie wurde hier gut und nett versorgt. Sie leistete ihren Teil der Arbeit, und trotzdem, ein Wehmutstropfen blieb. Es waren zwei völlig verschiedene Dinge, Mittelalter zu spielen oder darin zu leben. Und manches konnte nicht einmal die wunderschöne Natur und Wildnis oder die Ruhe wettmachen.

Sie ließ sich von Haralde die Kräuter geben und erklären, wie sie diese zu nehmen hatte, damit dieses Pochen aufhörte. 

„Wunder solltet ihr allerdings gar nicht erwarten. Eyn wenig der Zeyt wird’s wohl brauchen, mindestens genauso lang, wie es gar brauchte um zu kommen“, warf Haralde ein.

Alina starrte auf die Kräuter in ihrer Hand. Sie war froh, dass die Schmerzen noch erträglich waren. 

Abends, egal wie lange sie gearbeitet hatten, machten sie Feierabend. Im wörtlichen Sinne. Jeder gut vollbrachte Tag wurde gefeiert. Manch einer hatte eine kleine Darbietung zum Besten zu bringen, also spielten sie auch hier schon gern Schauspiele. Es gab auch einen Geschichtenerzähler, es war der Mann, der alle zur Nachtruhe aufrief. Und er erzählte wunderschöne und ebenso schauerliche Geschichten. So viel unterschieden sich die Gepflogenheiten dann also doch wieder nicht von denen aus ihrer Zeit. Trotzdem gaben sich die Menschen hier anders hin. Es wurde nicht jeder Gedanke hinterfragt, und vielleicht machten sie sich auch gar nicht so viele Gedanken wie zu ihrer Zeit. Jeder erledigte seine Aufgabe und kümmerte sich um das Wohl aller, jedenfalls fast jeder, natürlich gab es auch Ausnahmen. Wilgund war so eine Ausnahme. 

Sie hätte sie in den paar Tagen die sie hier war, schon mehr als einmal ordentlich schütteln mögen. Sie benahm sich wie eine kleine verwöhnte Prinzessin. Und am liebsten ließ sie ihre Freundinnen für sich arbeiten. Alina fragte sich, ob sie das so gelernt hatte, oder ob es angeboren war? Wilgund ließ keine Gelegenheit aus, Alina bloßzustellen. Und dazu hatte sie oft genug Gelegenheit, denn Alina stellte sich nicht immer gerade geschickt an, in diesem neuen und ungewollten Leben. Aber Gott sei Dank schien sich niemand sonst daran zu stören und auch Wilgunds Zankereien verliefen ins Leere, da sie von den anderen gar nicht beachtet wurden. 

​

Schließlich waren die Ernten eingebracht. Das Korn und das Heu. Und als hätte das Wetter freundlicherweise darauf gewartet, entlud es sich erst dann in einem lauten, außergewöhnlichen Gewitter. Alina hatte Gewitter schon immer gemocht. Sie ging hinaus in den Hof und durch die Seitentür, in deren Rahmen sie stehenblieb. So konnte sie ohne nass zu werden den Naturgewalten beim Toben zusehen. Alle paar Augenblicke surrte ein Blitz durch die Luft und es krachte laut. Sie genoss den Anblick der Bäume und Sträucher, deren Blätter sich mit dem Wasser voll zu saugen schienen. Der Himmel erschien in einem bleischweren graublau und die dunklen Wolken stoben über ihren Kopf hinweg. 

„Es sey nicht gar ungefährlich sich bey eynem Gewitter nach draußen zu stellen.“

Alina lächelte, als Adalhard sie von hinten ansprach und wandte sich zu ihm um, während ihr ein Freudenschauer über die Haut lief.

„Ich weiß. Und in fremde Zeiten zu reisen nicht?“

Er lachte leise. Sie hatte ihn erwischt. „Ich stünd immer hier, wenn es gewitterte.“ 

„Dann wirst du die nächste Zeit nicht allein stehen.“

„Ihr seyd nicht glücklich hier?“

Wie kam er darauf? Sie sah zu Boden. „Ich, ich meine, ihr seid alle sehr nett und es geht mir gut, aber,“

„Aber?“

„Es ist nicht meine Zeit.“ Sie wagte ihn mit einmal Mal wieder anzusehen. „Es fehlt mir so vieles, was in meiner Zeit selbstverständlich ist.“

„Und du könntest dich nicht daran gewöhnen, dass es nicht mehr verfügbar ist?“

Während sie ihm in die Augen sah, die ihrem Blick traurig und fragend begegneten, zuckte sie die Schultern. Natürlich würde sie sich an vieles gewöhnen, aber wäre sie glücklich? Sie kannte die Antwort darauf nicht. Doch war sie sich im Klaren darüber, dass es gleichsam eine Lösung von Adalhard bedeutete, denn wenn sie mit den Gegebenheiten nicht klar kam, dann konnte sie auch nicht mit ihm hier leben. Und diese Erkenntnis schmerzte, mehr als das Pochen in ihrem Zahn. 

„Lass uns abwarten, was die Zeit bringt?“ sagte sie nach außen leichthin, gleichzeitig innerlich zerrissen. 

​

Er sagte nichts dazu, nickte spärlich und widmete sich wieder dem Gewitter. Sie hatte ja Recht. Doch er wollte sich damit nicht abfinden und die Zeit entscheiden lassen. Er wollte nicht mehr ohne sie leben. Auch wenn es seltsam anmutete, doch ihre Begegnung kam nicht von ungefähr, sie war nicht nur einfach so hinter ihm hergelaufen, es hatte einen tieferen Sinn, es konnte gar nicht anders sein. Und all seine Reisen in ihre Zeit; die hatte er doch nur gemacht, um sie kennenzulernen, davon war er überzeugt. Nur nach ihr, war er all die Jahre auf der Suche gewesen. Und jetzt wollte sie wieder fort? 

Er fragte sich, ob es ihm gelingen würde in ihrer Zeit zu leben und im gleichen Augenblick wurde ihm klar, dass es ihm mindestens genauso schwer fallen würde. Er hatte es zwar genossen, all diese anderen Menschen zu sehen und die eigenartigen Errungenschaften, aber er hatte sich auch immer sicher gefühlt wieder in die eigene Zeit zurückkehren zu können. Doch an die Trennung einer Beziehung, die nicht einmal wirklich begonnen hatte, wollte er nicht denken. Doch wenn sie eine Verbindung eingehen wollten, dann war jetzt der Augenblick, denn der Wanderpriester würde erst wieder in einem halben Jahr herkommen und solange konnte und wollte er nicht warten. Er sah wie sie nachdachte. 

​

„Ist es nicht seltsam?“ Sie sah ihn an, „dass wir uns die Möglichkeit, zusammen sein zu können, schon nehmen, bevor es soweit gekommen ist?“

„Ich hätte gerade das gleyche gedacht.“

„Wie ist es in eurer Zeit, muss man verheiratet sein, wenn man zusammen sein will?“

Er schüttelte den Kopf. „Mir wäre es eynerley.“

„Und den anderen?“

„Es sey doch meyne Angelegenheyt.“ 

„Würde ich nicht wie eine Hure behandelt werden?“

Er schüttelte den Kopf heftig. „Das sollt gar eyner wagen.“

„Aber wäre es so“

„Ich weyß es nicht. Bey uns gab es derley noch nie.“

Sie atmete tief ein, „vielleicht solltest du tatsächlich lieber Wilgund nehmen. Sie ist aus deiner Zeit, gehört hier her.“

„Wilgund!“ Er schnaufte abfällig.

Alina war froh über sein Schnaufen. Zeigte es ihr doch, dass er Wilgund nicht in Erwägung zog. Es hätte sie erschüttert, wenn er gesagte hätte, ja, da hast du wohl recht, selbst wenn er so dächte. 

Plötzlich beugte er sein Knie vor ihr. Sie sah ihn bestürzt an, er wollte doch nicht? … 

„Verehrte Alina, ich frage euch hiermit, wollet ihr meyne Frouwe werden?“

Er hatte tatsächlich gefragt. Sie wusste gar nicht was sie sagen sollte. Hatten sie nicht gerade eben festgestellt, dass es völlig sinnlos wäre, zusammen zu kommen? Er nahm ihre Hände in seine und sah sie erwartungsvoll an.

„Ich weyß, dass es vielleycht keyne Bindung auf Dauer wär, doch es sey mir gleychgültig. Lieber eyn wenig zusammenseyn, als nie!“

Hatte er Recht? Sie entzog ihm ihre Hände und nahm daraufhin seine in ihre, so dass sie ihn lenken konnte wieder aufzustehen.

„Vermutlich hast du Recht? Aber vielleicht ist der Schmerz dann noch viel größer, wenn wir uns einmal trennen müssen?“

„Es sey mir gleych, glaubet mir doch.“

Sie glaubte ihm und ihr Herz schrie ja. Zaghaft nickte sie. „Ich möchte es auch.“ Es war ihr egal, dass sie erst vor wenigen Wochen im Brustton der Überzeugung von sich gegeben hatte, niemals in ihrem Leben den Fehler zu begehen, zu heiraten. „Ja, ich will deine Frau sein.“

Er strahlte sie glücklich an, ehe er sie an seine Brust zog und fest umarmte, als wollte es sie nie wieder loslassen. „Ich sey glücklich, mit dem, was uns geschenket wird.“

Sie nickte, „das will ich auch.“

Sie standen eine Weile zusammen, eng umschlungen, als er sich zu ihr herunterbeugte, um ihr einen sanften, besiegelnden Kuss zu geben. 

Sie waren verrückt. Sie kannten sich kaum, kamen aus völlig verschiedenen Welten und wussten nichts von einander. Auch nicht, ob sie in jeder Hinsicht zusammenpassten. Möglicherweise stellten sie nach kurzer Zeit fest, dass nichts so war, wie es zu sein schien. Trotzdem konnte sie sich eines glücklichen, warmen Gefühls im Herzen und im Bauch nicht erwehren. 

​

8

​

Die anderen hatten es gelassen aufgenommen. Nur Wilgund war aus allen Wolken gefallen, in denen sie sich vermeintlich sicher gewogen hatte. Trotzdem hatte sie nichts weiter gesagt und sich nicht einmal zurückgezogen. 

Adalhard plante bereits die Hochzeit und sie sollte bald schon stattfinden. Nun, es war wohl doch sicherer und besser, wenn sie heirateten. Und wenn es ihr nicht gelang in ihre Zeit zurückzukehren, dann war sie nicht nur versorgt, sondern hatte auch den Mann ihrer Träume bekommen. Trotzdem konnte Alina nicht umhin verloren zwischen den anderen zu sitzen, weil sie das alles, was ihr wiederfuhr in keiner Weise fassen, noch begreifen konnte. Und doch schien es wahr zu sein. 

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Der Tag der Hochzeit rückte näher. Da sie keinerlei Aussteuer oder etwas anderes besaß, außer ihrem türkisfarbenen Kleid, zog sie dieses zur Hochzeit an. Die Feierlichkeiten waren klein gehalten, auch wenn ein jeder die Gelegenheit nutzte um sich auszutoben. Es gab nur einen wandernden Priester, welcher die Trauung vollzog. Und die Ehe war ab dem Augenblick gültig, wenn sie sie das erste Mal zusammen im Bett lagen. Sie bekamen nur für diesen Anlass sogar eine eigene Kammer, nur für sie beide. 

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Es war spät, als sie die Treppe zur Kammer hinaufstiegen. Sie waren überaus verliebt, aber auch auffallend schüchtern, da alles so geplant schien. Adalhard öffnete die Kammertür und sie trat zuerst ein. Ein Feuer knisterte im Kamin, welch ein Überfluss und das im Sommer. Das Bett war mit frischen leinenen Tüchern bezogen und vor dem Kamin lag ein Fließ aus gewalkter Wolle. Plötzlich wollte sie nicht mehr schüchtern sein. Sie wollte ihn spüren, seine nackte Haut berühren und ihm so nahe sein wie noch nie. Und so gab sie sich einen Ruck und machte den ersten Schritt auf ihn zu. Sie umarmte ihn und küsste ihn, und dann gab es für beide kein Zurück mehr. 

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Sie durften solange diese Kammer als die ihre betrachten, bis das nächste Paar sich trauen ließ. Da es aber zur Zeit kein anderes Paar gab, gehörte die Kammer wenigstens ein halbes Jahr ihnen. Alina genoss es, nach all den Nächten des Schlafens bei den Frauen und Mädchen, nur mit ihm zusammen sein zu können.

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So hätte es immer weitergehen können, überlegte sie traurig, denn es war viel zu schnell vorbei. Eben noch war ihre Welt in Ordnung und sie hatte sogar ihr Heimweh beiseite schieben können und jetzt?

Der Bote ritt durchs ganze Land und sammelte Krieger für den König, dem alle Lehnsherren in Treue gebunden waren. Und so musste auch Adalhard gehen und mit ihm seine Brüder und all die jungen Männer und kampfgeübten, die auf der Burg lebten. Die Trauer war groß und das Weinen laut. Alina wusste nicht mehr, wo sie sich verkriechen sollte. Als der Tag des Abschieds kam, liefen ihr die Tränen über die Wangen und am liebsten wäre sie einfach mit ihm in den Wald geflohen. Am besten in ihre Zeit! 

Adalhard umarmte sie zärtlich. „Gräme dich nicht, ich sey schon gar bald wieder bey dir.“

„Und wenn dir etwas passiert?“

„Daran wollen wir nicht denken. Ich sey eyn guter Kämpfer.“ 

Sie sah ihn zweifelnd an. Nicht dass sie seine Fähigkeiten in Frage stellte, aber es konnte immer einen geben, der viel besser war, oder einen dummen Zufall. Sie drückte ihn an sich, wollte ihn nicht mehr loslassen. Doch die Abreise war schon viel zu nah. 

Schließlich standen die Zurückgebliebenen im großen Tor und blickten ihren Lieben hinterher. Und es war ziemlich sicher, dass manch einer nicht zurückkehrte. Alina lief nach draußen auf die Pferdeweide und warf sich ins Gras. Die Tränen wollten nicht aufhören zu fließen. Die Pferde kamen nach und nach und stupsten sie mit ihren Nasen an, um zu sehen, warum sie so verzweifelt war. Sie versuchten sie zu trösten und ein wenig gelang es ihnen auch. 

Die Abende waren das Schlimmste. Sie war wieder herüber zu den Frauen und Mädchen gezogen, weil sie es allein in der Kammer nicht aushielt. Am Tage versuchte sie sich mit harter Arbeit abzulenken, und so vergingen die Wochen.

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Und dann kam der Bote. Er kündigte die Rückkehr der Kämpfer an und er zählte auf, wer nicht mehr dabei sein würde.

Zuerst nahm Alina es gar nicht wahr. Sie hörte zwar den Namen Adalhard, doch es ging sie ja gar nichts an. Als sich dann jedoch alle zu ihr umwandten, sickerte die Botschaft langsam bis zu ihrem Bewusstsein durch.

Er würde nicht mehr wiederkommen! Er würde nicht zu ihr zurückkehren! Sie konnte nicht denken, sie konnte nicht weinen. Sie starrte nur auf den Boden vor sich und schüttelte den Kopf. Der Bote musste sich getäuscht haben.

Doch er hatte sich nicht getäuscht. Am nächsten Abend kamen die Männer zurück und Adalhard war nicht unter ihnen. Er würde auch nicht nachkommen. Er würde nie mehr kommen!

Sie fasste nur einen einzigen Entschluss: sie würde sobald es ging wieder in ihre Zeit fliehen. Und mit Entsetzen stellte sie fest, dass sie nicht einmal wusste, zu welchem Baum sie gehen musste. Was sollte sie nur tun? Wusste ein andere von dem Baum, oder wenigstens wo er stand?

Nachdem sie einige Tage darüber nachgedacht hatte, fragte sie in die Runde, ob irgendeiner den Baum, das Tor in die andere Welt kannte. Alle schüttelten die Köpfe. Sie war kurz vor der völligen Verzweiflung. 

Da meldete sich mit einem Mal Alfred, der kleine Sohn von Adalhards Cousin: „Ich wüsst wo´s sey.“

Alle sahen ihn an.

„Du?“ fragte Alina misstrauisch. Vielleicht wollte er sich nur wichtig tun? 

„Ich weyß es. Ich sey Adalhard gefolget und hätt zugesehen, wie er verschwand.“

„Und du könntest ihn mir zeigen?“

Er nickte. „Aber ihr müsset auf die Sommersonnenwende warten.“ 

Sie hatte Tränen in den Augen, das wusste sie, doch nun konnte sie nichts mehr zurückhalten. „Zeigst du mir die Stelle, auf das ich sie mir merke.“

„Das wollt ich wohl tun.“

​

Ach hätte sie Adalhard nie verfolgt. Und plötzlich schoss ihr ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf. Wenn er in ihrer Zeit geblieben wäre, dann könnte er jetzt noch leben! Mit diesem Gefühl und der Trauer, verbrachte sie die restlichen Monate bis zur Sonnenwende. Sie hatte ihre Arbeit getan und war Haralda für alles dankbar, aber nun war es Zeit zu gehen. 

Der Abschied war schrecklich, denn sie hatten sich alle ins Herz geschlossen. Und sie würden ihr fehlen, so wie ihr zuvor das Leben ihrer Zeit gefehlt hatte. Doch hier konnte sie nicht bleiben, wo sie alles an ihn erinnerte. Ohne Adalbert war dieser Ort nicht mehr für sie bestimmt.

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Als sie bei dem Baum stand, zögerte sie, nur einen winzigen Augenblick. Unter Umständen lebte er doch und wenn sie jetzt ging, dann war alles vorbei? Und die Menschen, die sie inzwischen lieb gewonnen hatte, würden ihr fehlen. Aber der Augenblick verschwand schnell wieder und sie trat entschlossen in den Kreis des Baumes, ins Tor. Und ihr wurde wieder schwarz vor Augen.

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9

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Als sie erwachte, lag sie auf dem Marktplatz neben dem Baum. Einige Leute standen drum herum und plötzlich entdeckte sie unter den Umstehenden Bettis Gesicht. Ihre Freundin hier? War der Markt dieses Jahr wieder zur Sommersonnenwende? Betti kämpfte sich zu ihr durch und kniete neben ihr nieder. 

„Betti! Ich dachte schon ich würde dich nie wieder sehen.“

Betti grinste sie an. „Bist du auf den Kopf gefallen?“

„Nein, ich war nur kurz ohnmächtig.“

„Ich würde sagen wir gehen zum Sanitätszelt.“

„Nein, es geht doch schon wieder.“ Sie richtete sich auf, „wunderst du dich denn gar nicht, woher ich komme?“ fragte Alina nach.

„Nö, warum? Du hast doch gerade gesagt, dass du vom Heerlager zurückkommst.“

Alina antwortete erstaunt, „ja, aber vor einem Jahr.“

„Nein, vor etwa fünf Minuten.“ Betti schüttelte den Kopf erneut. „Komm, lass mal jemanden nach deinem Kopf sehen.“

Alina stand auf. Sie verstand nicht. „Aber ich bin doch ein Jahr verschwunden gewesen?“

Betti schüttelte den Kopf verneinend. „Das müsste ich wissen, denke ich.“

„Du warst damals beim Schmied und ich hatte jemanden gesehen, ich…“ Sie wollte ihr alles erzählen, doch Betti stoppte sie mit einer Geste.

„Alina , es ist keine fünf Minuten her, dass wir telefoniert haben und du im Heerlager warst.“ 

„Das kann nicht sein. Es war doch letztes Jahr, dass du den Schmied kennengelernt hast.“

„Nein, letztes Jahr waren wir gar nicht hier auf dem Markt, weil er ausgefallen ist.“

Alina schwirrte der Kopf. Aber wenn das stimmte, dann hatte sie alles nur geträumt! Unmöglich! Adalhards Liebe. Die Burg, die Menschen, die Arbeit? Das war doch nicht möglich! Sie musste es wissen. Mit einem schnellen Satz zur Seite, gelangte sie an die Linde und legte ihre Hand auf den Stamm. Doch es geschah nichts. Sie trat näher, umarmte den Baum, nichts passierte. 

„Alina? So langsam mache ich mir echt Sorgen um dich?“

Alina blickte zu Betti, als würde sie diese zum ersten Mal sehen. „Bitte, fass einmal die Rinde an und sage mir, ob du etwas spürst?“

Betti rollte die Augen, tat aber, was Alina ihr sagte. 

„Und?“

Betti schüttelte den Kopf. „Was sollte ich denn spüren?“

Alina schüttelte den Kopf. Das war alles völlig unerklärlich und ihr unbegreiflich. „Lass mich mal einen Augenblick, es geht mir gleich wieder gut.“ Sie blickte über den Platz, „ich setze mich dahinten in den Schatten auf die Bank.“

Betti sah sie zweifelnd an, „soll ich nicht doch lieber mitkommen?“

„Ist schon gut, ehrlich.“ Und so stapfte sie zur Bank, ohne ihre Umwelt wirklich wahrzunehmen und setzte sich, starr auf den Boden und immer wieder, nicht verstehend auf die Linde blickend. Das Tor hatte sich geschlossen. Unmöglich, dass sie sich all das Erlebte, ein ganzes Jahr nur eingebildet hatte. Sie starrte auf den Stoff ihres Kleides herunter und bemerkte, dass er an manch einer Stelle bereits zerschlissen war, aber dann! Dann stimmte alles. Ihr Kleid war nicht mehr neu, es war gebraucht und zwar seit einem Jahr!

Verzweifelt blickte sie immer wieder über den Platz. Er war nicht zu sehen. Wie sollte er auch, da er tot in der Vergangenheit unter der Erde lag. Sie würde ihn niemals wieder sehen!

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10

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Ein Jahr war vergangen, seit ihrem Erlebnis, dass sie mit niemandem teilen konnte. Nicht einmal Bettie verstand sie und bevor sie wegen Unzurechnungsfähigkeit eingeliefert wurde, hörte sie lieber auf davon zu reden. Aber der Kummer und die Trauer fraßen sich in ihr Herz. Und beinahe hätte sie auch dieses Jahr wieder nein gesagt, als Betti sie gefragt hatte, ob sie mit zum Mittelaltermarkt nach Rothestein käme. Sie hatte schließlich seit dem Tag des Verlustes keinen Schritt mehr auf einen Mittelaltermarkt gemacht. Aber dieses Jahr war es anders. Sie wollte sich dem Erlebten stellen. Und so saß sie unruhig auf dem Beifahrersitz und hörte mit halbem Ohr dem Gerede von Betti, Sandra und Andrea zu, die dieses Mal auch mitkamen. Ihr Herz weilte bei einem anderen. 

Elke wunderte sich wahrscheinlich, dass sie nicht mit der gleichen Freude wie immer bei der Sache war und sich die neuesten Kleider zwar ansah, aber keinerlei Lust verspürte, eines zu kaufen. Sie trug noch immer das türkisfarbene.

Elke grinste sie an: „Meinst du nicht, du könntest ein neues vertragen? Sieht schon ein wenig verschlissen aus, das hier.“ Sie hob den Saum ein wenig an, „was hast du damit veranstaltet? Das sieht aus als hättest du es jeden Tag angehabt?“

Alina lächelte still. Sollte sie Elke erklären, dass es beinahe der Wahrheit entsprach? Sollte sie sich tatsächlich ein Herz fassen und mal ein anderes anziehen?

„Hast du denn was Neues für mich?“ 

Elke grinste bis über beide Ohren und zog ein dunkel rotes Kleid aus der Ecke. „Hab ich für dich zur Seite gehängt.“

Alina fasste den Stoff an und spürte ein wenig die Freude zurückkehren, die sie früher bei der Berührung von Stoffen empfunden hatte. „Ich schaue mich noch mal um, häng es bitte solange zurück. Dann brauche ich mich nur einmal ausziehen.“ Sie lächelte Elke an.

Elke nickte und hing das Kleid wieder zur Seite.

Alina widmete sich den anderen Kleidern an der Stange und ging aus dem Zelt raus, um die dort hängenden auch zu begutachten. Und dann sah sie ihn. Er ging über den Platz und suchte nach jemandem. Er suchte sie! Er war ihretwegen zurückgekehrt. Aber wie war das möglich, wieso lebte er? Sie verstand nicht. War er ein Abklatsch? Einer der ihm nur ähnelte? Oder eine Zeitschleife? Es war egal, sie rannte auf ihn zu.

„Adalhard! Adalhard!“ 

Er wandte sich um. Sein Gesicht hellte sich auf, er hatte gefunden, was er suchte. 

Schließlich erreichte sie ihn und drückte sich an seinen Körper. „Adalhard! Wie froh bin ich. Ich habe so gehofft und gebetet, dass du nicht gestorben bist.“

„Verehrte Frouwe, da haben deyne Gebete wohl gar geholfen.“ 

„Was ist denn geschehen?“

„Eyn Eynsiedler hätt mich versorget und wieder zurückgeführt, ins Reich der Lebenden.“

Sie hielt ihn noch immer an sich gedrückt. „Jetzt lass ich dich nie mehr los.“

„Ich bleyb eyn Jahr bey dir.“ Er sah sie fragend an, war sein Entschluss Willkommen?

„Hier, in meiner Zeit?“ Mit einem Mal bekam sie Angst, würde er sich hier wohl fühlen? Konnte er mit ihrer Welt klarkommen? 

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Er konnte in ihrem Gesicht lesen, was sie bewegte. Wie hatte er sie vermisst. Wie glücklich er doch war sie wieder in seinen Armen halten zu können. Alle die verlorene Zeit. Die Zeit der Heilung und des Schmerzes, endlich vorbei! 

„Ich hätt dich so vermisset, meyne Frouwe.“

Sie lächelte, den Kopf an seine Brust gelegt und sagte leise: „Ich bin so glücklich wie nie! Und wenn das Jahr vorüber ist und wir wieder Sommersonnenwende haben, dann kehre ich mit dir Heim.“

Sie würde mit ihm gehen! Unwillkürlich wollten ihm ihm die Tränen in die Augenwinkel schießen, er drückte sie fest an sich. „Ich sey so glücklich wie schon lange nicht mehr, Frouwe. Und ich freue mich gar, deyne Zeyt näher kennenzulernen.“

Sie lächelte still vor sich hin und genoss, ihn wieder spüren, riechen und mit allen Sinnen wahrnehmen zu können. 

​

Ende

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