© Manuela O. Tietsch
Romantische Kurz-Geschichte
von
Manuela Tietsch
Die Hüter des Einhorns
Sie hatte nicht geglaubt, dass es so schrecklich sein würde. All dieses Leid zu sehen, ließ sie innerlich aufschreien. Diese vielen treuen Pferde. Geschundenen, geprügelt, manche halb verhungert, dazu verdammt auf einem Schlachthof zu landen, der womöglich tausend Kilometer weit entfernt lag. Sie hörte das schrille Wiehern eines Fohlens und blickte in die Richtung aus welcher der Schrei kam. Vier grobschlächtige Männer prügelten auf ein Fohlen ein, während es angstvoll nach seiner Mutter schrie. Diese rief genauso verzweifelt nach ihrem Fohlen, welches unnachgiebig und brutal in den Hänger verladen wurde. Marie wandte sich um, waren Sina oder die anderen Leute von Horse-Angels irgendwo zu sehen? So ein junges Tier. Ohne es bewusst zu steuern ging sie auf die Männer mit dem Fohlen zu. Die beiden, welche die Stute hielten hatten ebenfalls alle Hände voll zu tun, denn sie gebärdete sich wie wild und stieg, wie ein Hengst.
„Kannst kaufen, Oistregeschenk!“ sprach der Mann sie unvermittelt an und lachte unpassend, abstoßend. „Iest übrrig, Schlachterr.“ Er grinste sie wissend an und wechselte einen Blick mit einem anderen. Sie verharrten in ihrem Versuch, das Tier einzuladen und starrten sie wartend an.
Marie wusste, dass sie ihren Händlersinn geweckt hatte. Sie witterten viel Geld, denn die dummen Tierschützer kauften oft die Gäule, die zum Schlachter sollten. „Wie viel?“ Sie zeigte auf das Fohlen und die Stute.
„Ganz billig,“ sagte der Mann mit slawischer Aussprache.
„Was ist billig?“
„Nurrr Eintausend füinf Hundret Eeuro.“
„Was?“ Sie blickte zur Mutter herüber.
„Letztes Angeboit.“ Er zuckte mit den Schultern nach oben. „Sonst.“ Er machte eine Halsschnittgebärde.
Das Fohlen wieherte wieder schrill und die Mutter antwortete verzweifelt, was ihr einen weiteren Hieb mit der Gerte bescherte. Marie wand sich innerlich, das war alles einfach nur furchtbar. Sie nickte. „Ich besorge das Geld.“ Sie wandte sich an die beiden Männer, die noch immer an dem Fohlen hingen. „Bringen Sie das Fohlen wieder zu seiner Mutter, ich komme gleich zurück.“
„Geiht klarr. Wirr warten.“
Marie lief über den Platz, hielt sich innerlich die Augen und Ohren zu. Sie hatte weder das Geld noch die Möglichkeit all diese armen Geschöpfe frei zu kaufen und ihnen ein schönes Zuhause zu bieten. Eins schwor sie sich jedoch, dies war ihr erster und ganz sicher auch ihr letzter Besuch solch eines Oster-Pferdemarktes, ja eines Tiermarktes überhaupt.
Als sie mit Andie und Sina bei der Stute ankamen, trat ihnen der Händler entgegen.
Sina hielt Marie am Arm zurück. „Lass das jetzt Andie machen, der handelt sie runter.“
„Ich will aber kein Wagnis eingehen!“
„Keine Angst.“
Marie beobachtete Andie, der einen auf locker und gleichgültig machte. Er ging mit dem Händler zur Stute, begutachtete sie Fachmännisch und redete eindringlich mit ihm. Die Zeit verging und sie wurde immer ungeduldiger. Sie blickte über den Platz, der wenigstens ein wenig Schatten bot, durch die Bäume, die drum herum standen. Und mit einem Mal hatte sie ein ganz seltsames Gefühl. Sie hörte ein leises flüstern. Finde mich. Nimm mich mit. Und immer wieder. Sie schüttelte den Kopf. Wer flüsterte da? Da entdeckte sie ein mausgraues Etwas, das mit hängendem Kopf an einer Wand stand. Die Ohren zur Seite weggeklappt, völlig geschwächt. Doch in dem Augenblick, da sie das Pferd entdeckte, hob es den Kopf und schaute ihr in die Augen. Und Marie war sich mit einem Mal ganz sicher, dass dieses Pferd zu ihr gesprochen hatte. So verrückt das auch war. Es musst mit, egal wie. Sie beeilte sich zu Andie zu gehen.
„Andie!“
Er blickte sie fragend an.
„Da ist noch eins, das muss mit.“ Sie zeigte auf die struppige, abgemagerte Gestalt.
Andie verdrehte die Augen. „Marie Du weißt doch, dass wir nur die nehmen, von denen wir glauben, dass sie eine Möglichkeit haben zu überleben und auch gut vermittelt zu werden.“
„Ich weiß, trotzdem.“
„Das übersteht doch nicht mal mehr den Transport.“
„Bitte.“
Andie wandte sich wieder dem Händler zu. Er zeigte auf das arme Wesen und verhandelte erneut. Marie hatte das Gefühl es dauerte ewig. Schließlich schlugen die beiden die Hände in einander. Sie waren sich einig geworden.
Andie kam herüber und legte Marie die Hand auf die Schulter. „ Er hat sich auf hundert Euro für das arme Ding eingelassen.“
Sie nickte und fühlte sich nicht ganz wohl in ihrer Haut.
„Wir müssen jemanden finden, der uns das zusätzliche Tier fährt,“ sagte Sina in ihre Gedanken hinein.
„Wie viele habt ihr schon frei gekauft?“
„Nur sechs bisher.“ Andie wechselte einen Blick mit Sina. „Wenn wir keinen Hänger finden, müssen wir zwei weniger nehmen.“
„Nein. Ich finde schon was.“
Marie blickte zum dritten Tier. Sie kletterte unter der Absperrung hindurch und ging auf das Pferd zu. Es schaute nicht auf. Trotzdem hatte sie mit einem Mal wieder diese eigenwilligen Gedanken im Kopf. Ich danke dir. Das hast du gut gemacht. Was war das bloß? Sie trat näher an das Pferd, eine Stute, wie sie nach einem kurzen Blick feststellte und streichelte ihr die Stirn. Ein Kribbeln wanderte durch ihre Finger. Die Stute hatte drei weiße Wirbel auf der Stirn, das hatte Marie noch niemals gesehen. Zwei ja, aber drei? Ihr Fell war struppig, mit langen Hungerhaaren durchwachsen. Sie machte sich daran das Tier zu den Transportern zu bringen.
Schließlich erreichten sie den Hängerplatz, wo die anderen Pferde in einem abgetrennten Bereich standen und der Dinge harrten, die da kamen. Marie staunte, wie duldsam doch diese Tiere waren. Die gesünderen unter ihnen hätten leicht die Möglichkeit mindestens ein paar Menschen zu verletzen, doch sie nahmen hin, duldeten und dienten. Sie band die sich schleppende Stute an. Nun hieß es erstmal nach einem Hänger und Fahrer zu gucken.
Am Ende des Platzes. Er wartet schon auf dich.
Wieder diese Stimme in ihrem Kopf. Das war verrückt. Am Ende des Platzes? Woher sollte sie wissen, wer da auf sie warten würde? Sie kannte doch niemanden hier? „Sina, ich schau mich mal um, vielleicht finde ich jemanden der uns fahren kann?“
Sie machte sich auf den Weg. Sie versuchte zu übersehen, was neben ihr geschah, versuchte ihr Herz zu verschließen, weil sie es sonst nicht ertragen könnte und ging weiter. Eine Menge Menschen befanden sich auf dem Markt. Händler, Schlachter, Käufer und Tierschützer. Wie sollte sie da jemanden finden, von dem sie weder das Aussehen noch den Namen oder sonst irgendwas wusste. Eigentlich wusste sie nicht einmal, ob es diesen einen gab, oder ob sie einfach verwirrt war. Aber da war diese entschiedene Stimme in ihren Gedanken, sie konnte gar nicht anders, als ihr zu gehorchen.
Plötzlich stand ein Mann vor ihr. Sie hatte ihn gar nicht kommen sehen, er stand einfach da.
Mit Jugendlicher Stimme fragte er: „Sie sehen so aus, als suchten Sie etwas?“ Er hatte eine breite schottische Aussprache.
Irgendwie war ihre Mund ganz trocken, so dass sie sich erst räuspern musste, bevor sie das Gefühl hatte sprechen zu können.
„Stimmt.“
„Und was suchen Sie? Ein schönes Pferd?“
Wieder nur ein Händler, der seine Pferde loswerden wollte. Sie war enttäuscht und schüttelte den Kopf, während sie sich auch schon wieder versuchte zu sammeln, um weiter zu suchen.
„Vielleicht einen Transporter?“
Jetzt hatte er ihre volle Aufmerksamkeit. „Wie, woher, wieso wissen Sie das?“
Er sah sie nur an.
„Sie haben einen Hänger?“
„Einen Transporter.“
„Und der wäre frei?“
Er nickte nur.
„Das glaub ich einfach nicht.“ Sie musterte ihn so unauffällig sie konnte. Er war ziemlich groß, hatte mehr als schulterlange Haare, deren Farbe sie eigentlich gar nicht deuten konnte. Ein bisschen, als wäre von allem was drin. Und seine Augen waren mindestens genauso ungewöhnlich, denn eins war braun, wie ein Moorsee und das andere bernsteinfarben, wie das eines Wolfes. Er blickte sie herausfordernd an, als wüsste er ganz genau, dass sie ihn gerade musterte.
„Sie würden auch fahren?“
Er nickte wieder.
Woher sollte sie wissen, dass dies nicht eine Art war, um billig an Pferde zu kommen, die er dann an Schlachter weiterverkaufte?
„Sie können gern mitfahren, wenn Sie wollen,“ sagte er mit einem herablassenden Lächeln, als hätte er ihre Gedanken genau gesehen. Dieser Mann war ihr unheimlich, übte aber zugleich eine starke Anziehungskraft auf sie aus. Das ganze war ihr unheimlich. Erst diese Stimme in ihren Gedanken, dann das Tier und jetzt auch noch dieser Mann. Sie nickte.
„Ich habe ein sehr krankes Pferd zu fahren.“ Sie überlegte einen Augenblick. „Am besten Sie kommen gleich mal mit.“
Er nickte. Wie hätte er ihr auch nur eines der Geheimnisse oder Fragen, die sie bewegten erklären können? Besser er tat das, wofür er hier hergekommen war und redete nicht unnötig. So wie sie ihn gerade gemustert hatte, tat er es jetzt mit ihr, als sie sich umwandte und ihm ihren Rücken zeigte. Er beobachtete ihre dunkelbraunen Locken, die sich eigenwillig um ihren Hals kringelten und sich auf dem Rücken breit machten. Lunassirai hatte sie zu Recht ausgewählt. Sie schien tatsächlich ein reines Herz zu haben und war die Rettung in der Not? Er folgte ihr schweigend, er wusste ja wohin es ging, aber das wiederum wusste sie nicht.
Das seltsame Gefühl verschwand nicht. Jetzt wo ihr der Mann folgte, wurde es nur noch stärker. Sollte sie mit Sina darüber reden? Sie würde sie wahrscheinlich für völlig verrückt halten? Lieber nicht. Sie drehte sich zu ihm um, weil das Kribbeln im Nacken immer stärker wurde, und versuchte ein Gespräch zu beginnen.
„Kommen Sie hier aus der Gegend?“
„Komme ich nicht.“
„Dann sind Sie nur wegen des Marktes hier?“
„So ist es.“
„Aber Sie sind kein Händler?“
„Bin ich nicht.“
Oh, man, das war ja zum verrückt werden, so ist es, bin ich nicht, konnte der auch noch was anderes sagen?
„Dann bieten Sie den Leuten öfter ein Pferdetaxi an?“ sie lachte etwas erzwungen.
„Das nicht.“
„Ah ja.“ Sehr Aufschlussreich. Danke für dieses ergiebige Gespräch. Sie ging schweigend weiter, es hatte offensichtlich keinen Sinn weiter Fragen zu stellen. Vielleicht war er doch nicht der richtige?
Schließlich kamen sie bei Andie und Sina an, die gerade die letzten geretteten Pferde zum Parkplatz brachten. Marie winkte zu Sina herüber.
„Habe jemanden gefunden, der uns fährt.“
„Super.“ Sagte Sina erfreut.
Andie blickte misstrauisch herüber.
Sina strahlte den Mann an. Marie fiel auf, dass sie noch nicht einmal seinen Namen kannte.
„Haben sie noch mehr Platz, oder nur für ein Pferd?“
Er würde auch Pferde mitnehmen, der Platz war da. Er nickte. „So vier, bekomme ich untergebracht.“
Sina strahlte noch mehr. „Andie, dann können wir noch ein paar mitnehmen!“
Andie nickte. „Lass uns noch mal über den Markt gehen.“
Sina strahlte über das ganze Gesicht. „Ich sag´ den anderen Bescheid.“
Marie fühlte sich ein wenig verlassen. Sie ging mit dem seltsamen Mann zu der Stute herüber. „Hier, das ist sie.“
„Ja, ich weiß,“ sagte er.
Marie stutzte erneut. „Woher? Ich meine wieso wissen Sie das?“
„Das dachte ich mir,“ sagte er schnell.
„Hm.“ Irgendwie wusste sie, dass er log. Er hatte es tatsächlich gewusst. Aber woher? Von der seltsamen stimme im Kopf? Hörte er sie auch? Als sie zu der Stute kamen, hob diese den Kopf und wieherte mit tiefer Stimme, so wie eine Mutterstute nach ihren Fohlen ruft.
Der Mann trat heran und legte seine linke Hand auf die Stirn und die rechte oben hinter die Ohren. Er ließ einen tiefen Laut erklingen, klang ein wenig wie Om, so leise, dass sie es beinahe übergehört hätte. War er so ein komischer Pferdeflüsterer? Er kam ihr immer merkwürdiger vor. Sie horchte auf seine Stimme und meinte Worte zu hören, in einer ihr unbekannten Sprache. Sie wollte ihn gern fragen, doch das Gefühl ihn und das Tier nicht stören zu dürfen, war zu stark und er hätte so und so keine befriedigende Antwort gegeben. So stand sie nur dumm daneben, versuchte zu ergründen, was er da tat. Als er sich wieder zu ihr umwandte, schien sein Blick beinahe wie Entrückt. Doch schnell wurden seine Augen wieder klar und sahen sie so durchdringend an, als schaute er in ihr tiefstes innerstes. Sie räusperte sich verlegen. „Wie heißen Sie eigentlich?“
„Fearghas“
„Ah. Daher Ihre Aussprache.“
Er sah sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Sind Sie noch nicht so lange hier in Deutschland?“
Er schüttelte den Kopf. „Ich wäre gar nicht hier, wenn ich nicht müsste.“
Jetzt war es an ihr, ihn nur anzusehen. Ständig diese Rätsel, und jede Antwort, stieß sie nur noch tiefer in die Unwissenheit.
„Was haben Sie da gerade mit der Stute gemacht?“
„Sie heißt Lunassirai.“
„So? Woher wollen Sie das wissen?“ Er war wirklich ein wenig überheblich.
„Ich weiß es. Sie können Sie anders nennen, aber ihr Name ist: Lunassirai.“
Sie nickte ergeben. Es hatte keinen Sinn, sich weiter mit diesem Mann zu beschäftigen. Er sollte ihr die Stute fahren und gut war ´s.
„Ich werde den Transporter holen,“ sagte er. Sie blickte ihm nach, wie er mit riesigen Schritten über den Platz ging. Als er aus ihrem Blickfeld verschwand, wandte sie sich wieder der Stute zu.
„So, Du heißt also Lunassirai?“
So ist es.
Marie zuckte zusammen. Hatte die Stute ihr gerade geantwortet? Sie wurde langsam verrückt. Sie hatte es deutlich in ihrem Kopf gehört.
Du brauchst nicht an Dir zu zweifeln.
Sie drehte durch, bildete sich Sachen ein, die nicht sein konnten.
Warum soll es nicht sein können?
„Weil es unmöglich ist. Ich habe noch niemals Gedanken lesen können.“ Sagte sie laut und entschieden. „Das kann nicht sein.“
Und doch ist es so.
Sie wandte sich um, glücklich endlich Sina zu sehen, die mit den weiteren geretteten Pferden kam. So brauchte sie nicht mehr darüber nachzudenken.
Schließlich waren alle Pferde eingeladen. Es hatte gut zwei Stunden gedauert, denn durch die schlechten Erfahrungen und die schlechte Behandlung, waren nicht alle Pferde bereit sofort, ohne Schwierigkeiten in die Hänger zu steigen. Aber endlich machte sich der Tross auf den Weg. Es war ein gutes Gefühl diesen Tieren helfen zu können, aber auch eine große Trauer um all die, welche sie nicht hatten retten können und welche einem ungewissen Schicksal entgegenblickten. Doch mehr war nicht möglich.
Unsicher stieg Marie auf den Beifahrersitz des Transporters. Was sollte sie die ganze Fahrt mit dem Kerl reden. Ihr fiel auf, dass er noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt hatte. Er empfand anscheinend keinerlei Neugierde in der Richtung. Und so schwieg sie erst einmal und hatte Zeit sich darüber Gedanken zu machen, wo sie nun die Stute, wie hatte er sie genannt, Lunassirai unterbringen würde? Jedenfalls auf Dauer, denn vorübergehend konnte sie im Stall bei Andie und Sina stehen
„Einen Schluck Wasser?“ fragte er sie in die Gedanken hinein.
Sie blickte rüber zu ihm, er reichte ihr einen Becher.
Sie nickte und er schüttete Wasser ein. Es tat gut, nach dem heißen Tag auf dem schrecklichen Markt und war angenehm kühl. Es schmeckte sogar richtig gut. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals schon solch leckeres Wasser getrunken zu haben. Als sie fertig war, reichte sie ihm den Becher zurück. Sie war mit einem Mal so müde. Aber sie wollte nicht schlafen. Er ließ den Wagen an und fuhr den anderen hinterher. Die Abendsonne strahlte ins Fenster und die Müdigkeit war stark. Marie konnte ihre Augen kaum noch offen halten, und schließlich gab sie nach. Was war in dem Wasser gewesen? Hatte er sie alle ausgetrickst? War er womöglich doch ein Entführer? Sie schlief ein.
Ein Mann im schottischen Kilt lief über einen Hügel. Sie schaute auf den Hügel und entdeckte etwas, von dem sie immer geglaubt hatte, dass es nur eine Legende war. Ein Einhorn! Es stand stolz im Wind und sah zu ihr herunter. Der Schotte blieb vor ihm stehen und streichelte es an der Stirn und hinter den Ohren, während er zu ihr herunterblickte. Sie sahen sie beide eindringlich an. Marie lief los, sie wollte zu ihnen auf den Hügel, doch ihre Schritte waren schwer, als steckte sie in einem Morast fest. Sie lief weiter, strengte sich ungemein an, doch sie kam nicht vorwärts.
Warum kann ich nicht zu euch kommen? rief sie verzweifelt.
Du musst erst glauben, dann bist du frei. Antwortete der Mann leise.
Wer bist du? fragte sie. Er sah aus wie Fearghas.
Er lächelte sie an. Ich bin Fearghas, Hüter des Einhorns. Hüter der Lunassirai und ihres Fohlens.
Sie brachte keinen weiteren Ton heraus. Das Einhorn und Fearghas verschwanden in einem dichten Nebel und je mehr sie sich anstrengte zu ihnen zu gelangen, um so dichter wurde der Nebel. Sie gab auf, ließ sich auf den Boden fallen und weinte. Plötzlich spürte sie etwas Warmes an ihrer Hand. Sie öffnete die Lider wieder und blickte geradewegs in die Augen des Einhorns. Es hatte seine Stirn gesenkt und berührte sie mit dem Horn. Marie wurde leicht ums Herz. Alle Ängste fielen von ihr. Alles war so einfach, so klar. Fearghas schaute ebenfalls zu ihr herunter. Er beugte sich zu ihr und berührte sachte ihre Wange. Seine Hand war warm und angenehm. Er redete mit ihr.
„Marie. Aufwachen!“
Sie wollte nicht aufwachen? Es war doch alles richtig so.
„Marie, wir sind da!“
Mit einem Schlag war sie hellwach. Wir sind da hatte er gesagt, und, Marie! Woher kannte er ihren Namen? Sie öffnete schnell die Lider und blickte ihm geradewegs in die Augen. Er steckte noch immer in seinem roten T-Shirt und trug seine Baumwollhose, keinen Kilt. Sie hatte geträumt!
„Wir sind da?“ Sie schaute aus dem Fenster und entdeckte Andie und Sina, die bereits begannen die Pferde aus den Hängern zu laden.
„Aber ich bin doch gerade erst eingeschlafen?“ Sie verstand die Welt nicht mehr. „Wie lange waren wir denn unterwegs?“
„Etwa zwei Stunden.“
„Und ich habe die ganze Zeit geschlafen?“
Das hatte sie, und er würde ihr nicht auf die Nase binden, dass sie nur deshalb so tief geschlafen hatte, weil sie von dem magischen Wasser trank. Es war besser so, sonst hätte sie ihm noch Fragen gestellt, die er nicht beantworten durfte. Jetzt war nur wichtig, dass sie Lunassirai wieder auf die Beine und er sie zurück in ihre Heimat brachte. Sie wischte sich über die Augen und rieb sich das Gesicht mit den Händen. Er stieg aus dem Wagen
Marie folgte seinem Beispiel.
Endlich standen die Tiere im Stall. Zufrieden und Laut kauten sie ihr Heu. Lunassirai hatte eine große Fuhre Aufbau- und Kraftfutter bekommen, soviel sie vertragen würde, für das erste Mal. Sie hatte die Fahrt überstanden, so würde sie auch wieder zu Kräften kommen und alles andere überstehen. Fearghas stellte sich neben sie und schaute ebenfalls in den Stall. Marie wunderte sich, dass er noch nicht weg war, doch er schien besonders am Wohlergehen von Lunassirai teilzunehmen.
„Musst Du nicht nach Hause?“ fragte sie ihn.
Er schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Unerwartet begann er dann doch zu reden. „Ich komme morgen wieder“
„Da musst Du Andie fragen, ihm gehört das hier.“
Und schon wandte er sich ab.
„Ich glaube sie sind draußen.“ Irgendwie war sie neugierig, deshalb folgte sie Fearghas aus dem Stall.
Er war gerade bei Andie angekommen. „Hast Du was dagegen, wenn ich morgen wiederkomme?“
Andie zog erstaunt die Brauen in die Höhe. „ Mir soll´s Recht sein.“
Fearghas nickte. „Ich kann auch gut mit schwierigen Pferden umgehen.“
„Ich denke du kommst einfach morgen und dann schauen wir mal.“
„Danke.“ Fearghas wandte sich zum Gehen. Er musste jetzt schnell den Transporter loswerden, ehe jemand den Stall hier mit dem Diebstahl in Verbindung brachte.
Marie lief ihm hinterher, als er mit großen Schritten zum Transporter ging.
„Du kommst wieder?“ Warum sie das glücklich stimmte, wusste sie nicht.
Er wandte sich um, sah sie einen Augenblick lang an und nickte.
Mehr konnte sie als Erwiderung von ihm wohl kaum erwarten, so wie sie ihn bisher kennen gelernt hatte. „Na dann, bis morgen.“
„Bis morgen,“ rang er sich ab und stieg dann schnell in den Wagen.
Marie starrte ihm noch eine Weile hinterher.
Sina erschien neben ihr. „Ist irgendwie ein seltsamer Kauz, oder? Er scheint einen guten Draht zu den Tieren zu haben.“
„Ich gehe noch mal zu Lunassirai gucken. Wann soll ich morgen da sein?“
„ Gegen sieben?“
„Dann bis morgen Früh.“ Sie umarmte Sina und ging dann noch einmal in den Stall.
Lunassirai kaute ruhig, eher langsam einzelne Heuhalme. Aber sie wirkte schon bedeutend munterer und Lebensbejahender als auf dem Markt. Marie war froh. Egal wie alt Lunassirai wirklich war, oder wie krank. Oder wie lange sie noch zu leben hatte, sie sollte ihre letzte Zeit in Zufriedenheit verbringen dürfen. Sie streichelte ihr über den Mähnenkamm und die Kruppe. Lunassirai wandte sich zu ihr und brubbelte leise. Marie wurde ganz warm ums Herz. Sie strich ihr über die Stirn. Als ihre Hand auf den drei Wirbeln zum Liegen kam, kribbelte ihre Hand mit einem Mal stark. Sie zog ein paar lose Haare heraus und strich die Wirbel ein wenig aus, das Gefühl wurde immer stärker. Sie spürte das Kribbeln nicht mehr nur in der Hand, sondern im ganzen Körper. Ein warmes, angenehmes Kitzeln, beinahe als wenn man vom Wasser eines Sprudelbeckens durchgeknetet wurde. Sie entdeckte unter dem vielen Dreck und den losen Haaren, dass die Wirbel weiß waren. So weiß, wie Marie es noch nie an einem Pferd gesehen hatte. Sie mochte ihre Hand gar nicht wegnehmen, so angenehm war das Gefühl. Eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem Körper aus und sie fühlte sich stark. Nur schwer trennte sie sich für die Nacht von Lunassirai. Sie schloss die Stalltür und trat nach draußen, wo sie sich verabschiedeten und nach Hause gingen oder fuhren. Marie war froh, dass sie nicht weit weg wohnte, so konnte ihr ein kurzer Gang den Kopf wieder Klar machen.
Als sie am nächsten Morgen in den Stall trat, stand Fearghas schon mit der Karre und einer Mistgabel in der Gasse. Er war offensichtlich bereits seit einiger Zeit hier, denn alles schien schon wie geleckt und die Pferde mümmelten zufrieden am Heu. Sie wusste, dass sie erst heute das erste Mal auf die Weide kommen würden, denn gestern sollten sie erst einmal ankommen und sich entspannen.
„Oh, schon da?“
Er nickte wieder nur.
„Sehr gesprächig bist du ja nicht gerade,“ rutschte es ihr heraus.
Er sah sie an, mit seinen seltsamen Augen. Und das erste Mal, seit ihrer ersten Begegnung, erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht. „Was soll ich denn sagen, da du doch schon selber bemerkt hast, was ich dir hätte nur bestätigen können.“
Da hatte er Recht, aber es war so üblich unter den Menschen. Sie redeten eben auch dann, wenn es nicht unbedingt nötig war.
„Ich habe gelernt, nicht zuviel zu sagen.“
Sie zuckte mit ihren Schultern und sagte auch nichts. Sollte er doch sehen, wie es war, wenn man sich unterhielt und keine Antworten bekam.
Plötzlich lachte er los. Leise, doch warm und wohlklingend. Sie mochte sein Lachen, fühlte es wohlig im Körper.
„Hast du gesehen?“ sagte er unter seinem Lachen und zeigte auf Lunassirai.
Marie trat näher an den Stall und blickte hinein. Dort stand Lunassirai, deutlich lebendiger und gesünder und neben ihr, Marie konnte es gar nicht fassen, stand ein winziges Fohlen. Sie bekam große Augen, das konnte sie selber spüren. Erstaunt blickte sie zu Fearghas. Sie hatte so viele Fragen im Kopf, doch sie fragte nichts.
„Es ist heute in der Früh gekommen, ich war glücklicherweise hier.“ Er verschwieg ihr, dass er hier übernachtete, denn er hatte keinen anderen Schlafplatz und außerdem wusste er, das Lunassirai in dieser Nacht ihr Fohlen bekommen wollte.
„Ich verstehe nicht. Ich kann`s gar nicht glauben.“ Sie öffnete die Stalltür. „Kann ich rein gehen?“ fragte sie Fearghas, als würde er es genau wissen.
Er nickte, noch immer lächelnd. „Sie wartet schon darauf, dir ihr Kind vorzustellen.“
Marie ging vorsichtig auf die Stute und ihr Fohlen zu, dass schon recht sicher auf den Beinen stand. Lunassirai stupste sie mit ihrer Nase an. Marie streichelte zuerst zaghaft über die Nase des kleinen Fohlens. Es schien jedoch keine Angst zu haben und trippelte gleich zwei Schritte auf sie zu, so dass sie seinen Kopf und Körper berühren konnte. Es war so süß. Marie war ganz entzückt. Sie schaute zu Lunassirai. Wie hatte sie das in ihrem schlechten Zustand schaffen können? Es war ihr unbegreiflich. Sie wandte sich zur Stalltür, in der Fearghas mit einem strahlenden Gesicht stand und auf sie drei blickte.
Im Hintergrund wurde es lauter. Sina, Andie und zwei weitere Leute von Horse-Angels kamen in den Stall. Marie ging in den Gang und rief zu Sina herüber.
„Sina, Andie, kommt mal schnell.“
Sina sah sie erschrocken an. „Ist was passiert?“
Marie konnte nicht anders, das Lächeln von Fearghas war offensichtlich ansteckend. Sie freute sich so, dass alles gut gegangen war. „Ja.“
Die anderen kamen schnell heran und schauten in den Stall.
„Das gibt´s doch nicht!“ Entfuhr es Sina. „Sie sah doch so dünn aus, beinahe als würde sie die nächste Stunde kaum überleben.“
Andie freute sich auch: „Dann können wir ja noch eine Rettung in unser Buch schreiben.“
Die Tage vergingen. Lunassirai ging es zusehends besser. Sie erholte sich so schnell, dass es beinahe an ein Wunder grenzte. Das Fohlen entwickelte sich ebenfalls prächtig. Lunassirai sah nicht nur wieder viel gesünder aus, sie wurde von Tag zu Tag auch schöner. Ihr Fell glänzte in der Sonne, nachdem Marie und Fearghas sie von all den toten Haaren befreit hatten. Ihr Stirnfleck war wirklich schneeweiß und schien beinahe wie von innen zu leuchten. Auch das Fohlen, Fearghas hatte gesagt es hieße Lugnarai, hatte den gleichen Fleck wie die Mutter auf der Stirn. Fearghas war gar nicht mehr wegzudenken. Er kümmerte sich um die Tiere, als gehörten sie ihm. Andie war nicht ganz so glücklich, doch Sina schien ihm vollends zu trauen. Marie konnte nichts dagegen tun, aber sie hatte sich in ihn verliebt. Er war immer im Stall und inzwischen glaubte sie, dass er hier sogar schlief. Sie beschloss ihn darauf anzusprechen, obwohl sie sich sicher war, dass sie doch mal wieder keine Antwort bekam. Als sie an den Koppelzaun gelehnt die Pferde beobachtete, trat er an ihre Seite und sie würde diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen.
„Es geht ihnen gut,“ sprach er sie an.
„Ja, sehr. Wenn mir jemand erzählen würde, dass diese Stute noch vor kurzen dem Tode nahe war, ich würde es nicht glauben.“
„Und glaubst du inzwischen an das andere?“ fragte er leise.
Was meinte er?
„Ich meine das, was du geträumt hast.“
Er kannte ihren Traum? Den Traum, der ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Sie sah ihn jetzt fragend an. „Ich glaube, du bist mir ein paar Erklärungen schuldig.“ Sie würde keine Ausflüchte oder Lügen dulden.
„Ich weiß. Es ist an der Zeit. Lunassirai hat es mir gesagt.“
„Dir gesagt?“
„Du hast sie doch auch schon gehört.“
Sie schwieg. Ja das hatte sie, aber woher wusste er das?
„Lunassirai gehört einem alten Einhornstamm an. Sie wurde durch die Magie eines bösen Zauberers aus ihrer Welt in eine andere verschickt und ich bin ihr gefolgt, weil es meine Aufgabe ist, sie zu behüten.“
Marie beobachtete ihn aufmerksam. Er meinte es vollkommen ernst, das erkannte sie in seinen Augen. „Du bist der Hüter der Lunassirai.“
„Aye, so ist es.“
„Und wo ist ihre Welt?“
„Weit fort.“ Er sah sie durchdringend an. Konnte er ihr die Wahrheit wirklich anvertrauen? Er musste, Lunassirai hatte ihn damit beauftragt.
„Wir kommen aus einer anderen Zeit.“
Marie starrte ihn nur an. Er meinte was er sagte. War er verrückt? War sie verrückt, wenn sie ihm seine Geschichte glaubte, was sie tatsächlich tat? Und es gab nur eine mögliche Folgerung. „Und du willst sie beide zurückholen?“
„Das will ich.“
„Aber wie?“
„Ich musste nur warten, bis sie beide reisefähig sein würden. Es gibt in meiner Welt nicht nur schlechte Magier, es gibt auch welche, die uns helfen.“
Marie schüttelte trotz allem ungläubig den Kopf. „Wie? Ich meine wie stellst du das an? Und warum bist du nicht gleich mit ihnen wieder abgehauen?“
„Ich brauche einen magischen Ort, einen Kraftplatz und von dort werden wir geholt. Ich brauchte die Hilfe eines Menschen dieser Zeit. Ich habe weder Geld, noch Einfluss hier.“
Marie schwirrten die Sinne. Er würde gehen, für immer. Lunassirai würde gehen und Lugnarai würde gehen. Sie wollte sie nicht verlieren. Und am allerwenigsten Fearghas. „Was kann ich tun, damit ihr bleibt?“ fragte sie leise und kannte die Antwort doch schon.
„Wir können nicht bleiben.“
Ihr wurde das Herz schwer. „Kann, ich meine könnte, ein Mensch dieser Zeit euch begleiten?“
Fearghas wagte ihren Gedanken nicht zu ende zu denken. Er hatte sich gegen die Vernunft in sie verliebt und es würde ihm das Herz brechen, wenn er sie verließ. Konnte sie sich ein Leben mit ihm in einer anderen Welt vorstellen?
Er wandte sie zu ihr um. „Ein Mensch dieser Zeit, der sich als Hüter des Einhorns bewies, könnte mitreisen.“
Sie zögerte mit ihrer nächsten Frage: „Und meinst du, ein Mensch dieser Zeit, könnte sich in deiner Zeit wohl fühlen?“
Fearghas sah ihr in die Augen, „das kommt darauf an,“ er überdachte seine Worte, „wie sehr sich dieser Mensch an andere Menschen gebunden fühlt?“
„Du meinst Zuhause ist da, wo du bist?“
Sie hatte Tränen in den Augen, als er ihr zunickte. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sie mit ihnen ginge.
„Und gäbe es einen Weg zurück, wenn dieser Mensch nicht klarkäme?“
Er schüttelte den Kopf, die Worte kamen nur schwer über seine Lippen. „Einen Weg zurück gibt es nicht. Es ist eine Entscheidung fürs Leben.“
„Ich werde mitkommen, wenn du mich willst!“
Er zögerte nur einen Augenblick, ehe er sie umarmte und sein Gesicht in ihrer Halsbeuge vergrub. „Das ist das schönste Geschenk, dass ich je bekommen habe.“ Flüsterte er.
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