Kapitel 2 aus Keltenzauber

Weihnachtsbummel, Hannover 2005 n. Chr.


Flanna drückte ungeduldig auf die Hupe. Endlich ging es weiter, wenngleich bedeutend langsamer als sie es gern gehabt hätte. Sie fuhr schließlich auf den Parkplatz und fand schnell eine freie Stelle. Sie haßte diesen dämlichen Weihnachtsrummel. Jedes Jahr zur Weihnachts- und auch Osterzeit taten die Leute so, als würde der nächste Weltkrieg vor der Tür stehen. Sie sah nach hinten auf die Tüten und Kisten; hatte sie an alles gedacht? Sigrid würde ihr die Ohren lang ziehen, wenn sie etwas übersehen hätte. Lieber wäre es ihr gewesen die Feiertage ohne Gäste zu verbringen, doch Sigrid bekam nie genug. Das hatte sie nun davon. Es war nicht besonders angenehm mit Hüftbruch im Krankenhaus zu liegen. Hätte Sigrid nur auf ihre Hilfe gewartet, dann wäre sie sicher nicht die Treppe heruntergefallen. Aber geschehen war nun einmal geschehen. Den Gästen konnte sie so kurzfristig nicht mehr abzusagen. Und zu allem Unglück mußte Sigrid wahrscheinlich noch zur Kur.

Sie drängte sich durch die Menschenmassen, die alle kurz vor dem Fest Geschenke kaufen mußten. Egal, wenn sie schon in Hannover war, wollte sie auf jeden Fall in ein Fachgeschäft. Sie konnte außer für sich selbst, ein oder zwei CD’s und Hörbücher für Sigrid kaufen, damit ihr die Zeit im Krankenhaus nicht so langweilig wurde.

Flanna fragte sich, ob ihr das Weihnachtsfest nicht furchtbar einsam erscheinen würde. Um so wichtiger, daß sie sich mit guter Musik eindeckte, um das Alleinsein zu vertreiben. Die Mittelaltermarktleute wollte sie nicht stören, und außerdem hatte sie zur Zeit die Nase voll von kalten Märkten und dem Drumherum.

Sie ging durch die Glastür, die sich von alleine öffnete und hinter ihr wieder schloss, geradewegs auf die CD Abteilung zu. Ein merkwürdiges Kribbeln durchzog ihren Magen, wenn sie an die tiefe wohltönende Stimme von Catherine Ann Macphee dachte. Richtig hieß sie Catriona Anna Nic a Phì, doch das konnte hier niemand aussprechen. Die Stimme der Schottin löste ein seltsames Fernweh in ihr aus. Wenn sie darüber nachdachte, hatten die gälischen Lieder sie von jeher zutiefst berührt, schon bevor sie diese Sprache erlernt hatte. Sie wurde von einem Verkäufer angesprochen und wandte sich ihm zu. Innerlich lachte sie über den seltsamen Ausdruck des Mannes, als er ihr mittelalterliches Gewand musterte. Es machte ihr Spaß diese Kleider auch dann zu tragen, wenn sie nicht auf einem Mittelaltermarkt war.



3. Wo sind wir



Vorsichtig öffnete ich die Augen. Ich zitterte wie Espenlaub und das lag nicht nur an der Kälte. Ich sah nichts, erst allmählich lichtete sich der Nebel vor meinen Augen und ich schaute auf das graue schmutzige Mauerwerk eines mächtigen Gebäudes.

Schwerfällig drehte ich mich zu den anderen um. Sie lagen noch genauso wie die Männer der MacBochras sie hingelegt hatten, und doch wurde ich das Gefühl nicht los, schon seit Stunden hier zu liegen. Mit Entsetzen nahm ich wahr, daß ununterbrochen Schneeflocken auf uns niederfielen. Ein Schauer lief durch meinen Körper und ließ mich frösteln. Ich verdrängte meine Schmerzen und streichelte Eithne im Gesicht, bis sie erwachte. Ich wandte mich Calum und Gavin zu. Gavin lag noch schwer auf meinen Beinen. Eithne sah sich mit großen Augen um.

Ich kam mir vor wie ein alter Mann, als ich meinen Oberkörper ächzend aufrichtete. Meine schmerzende Seite nahm mir die Luft zum Atmen. Ich legte meine gefesselten Hände um Gavins Gesicht, strich die Schneeschicht mit den Daumen von Augen und Wangen und schüttelte seinen Kopf sachte hin und her. Warum wachte er nicht endlich auf? Die Schneeflocken fielen inzwischen dichter und es würde nicht lange dauern, bis die kalte weiße Schicht alles bedeckte; wie ein Mantel, der uns begrub, wenn wir nur lange genug liegen blieben, ging es mir bitter durch den Kopf.

Calum bewegte sich, richtete seinen Oberkörper auf und fragte: „Wo sind wir?“

Ich zuckte entmutigt die Schultern. „Keine Ahnung!“

Als sich zwischen meinen Handflächen Gavins Gesicht regte, starrte ich ihn flehentlich an.

Calum rutschte näher.

„Gavin! Wach auf!“ Ich schüttelte ihn. „Gavin!“ Ich wurde lauter und ärgerte mich über den mutlosen Unterton in meiner Stimme. Am liebsten hätte ich laut losgeheult, so elend fühlte ich mich.

„Gavin!“ Mein Bruder hatte kein Recht uns alleine zu lassen. Kein Recht sich zu entziehen, um uns in unserer Not im Stich zu lassen. Schließlich flatterten Gavins Augenlider und öffneten sich. Noch wie benebelt sah er uns an.

Ich merkte erst jetzt wie lange ich schon die Luft angehalten hatte und atmete endlich erleichtert aus. Wir hatten ihn wieder.


Calum griff mit starren Fingern nach seinem Messer, das rechts neben Dougal auf der Erde lag. Nacheinander zerschnitt er die Fesseln seiner Geschwister, dann reichte er sein Messer Dougal, damit er ihn befreite. Calum grinste froh, die Handlung weckte seinen Lebensmut. Er schaute Eithne an. Aye, sie waren Zwillinge! Mußte sie deshalb dauernd tun, was sie nicht sollte? Sie wäre ein besserer Kerl geworden als ein Mädchen. Calum seufzte und drückte sie an sich. Sie sträubte sich. Es war ihm egal.


Gestärkt, wenngleich noch wankend, als hätte ich zuviel vom Wasser des Lebens getrunken, erhob ich mich, um die Gegend genauer in Augenschein zu nehmen. Ich stand, um Luft ringend, von Calum gestützt und haßte es in meiner körperlichen Freiheit und Tätigkeit eingeschränkt zu sein. Wahrscheinlich war mindestens eine Rippe angebrochen.

Den Kopf in den Nacken gelegt, betrachtete ich das schmutziggraue Gebäude vor uns, während der Schnee auf mein Gesicht niedertanzte und mich zwinkern ließ. Woher kam der Dreck? Ein Turm, so hoch wie ein Felsen, allerdings nicht einmal halb so breit wie ein Brooch, beherrschte das Bild. Hohe, schmale Lichteinwürfe, die nach oben hin spitz zuliefen, ließen mich zweifeln, ob es sich tatsächlich um einen Wohnraum handelte. Wie riesig mußten die Menschen sein, wenn sie nur an die unterste Kante der Lichteinwürfe reichen wollten.

Zögerlich begannen wir das Gebäude zu umrunden und es dauerte nicht lange, bis wir ein großes Tor erreicht hatten. Ein ohrenbetäubender Ton ließ mich zusammenfahren und innehalten. Bestürzt sah ich in die Höhe, von wo der Ton zu kommen schien. Der Klang ließ die Luft erzittern und sogar den Boden erbeben.

Calum verzog sein Gesicht vor Schmerzen. Wahrscheinlich dröhnte sein Kopf noch von den Schlägen der MacBochras.


Eithne legte ihm tröstend ihre Hand auf die Schulter. Sie sehnte sich nach ihrer Mutter. Sie war sich im Klaren darüber, daß sie dieses Mal den Bogen überspannt hatte. Trotzdem, es war aufregend. Neugierig sog sie alles auf und konnte ihre Wißbegier, die nicht einmal vor ihrer Angst halt machte, nicht bremsen.


Ich zählte mit; nach dem vierten Ton hörte der Lärm auf. Allmählich entspannte ich mich. Ich bemühte mich das Unbehagen abzuschütteln, das mich seit unserem Erwachen nicht mehr verlassen wollte. Nach einem weiteren Rundblick erschauerte ich jedoch. Das große Gebäude war von weiteren, viel mächtigeren umgeben. In helles Licht getaucht, als würde die Sonne darauf scheinen. Als hätten die Bewohner die Sonne darin eingefangen. Über den Wegen zwischen den erleuchteten Gebäuden hingen lange Seile mit Sternen und Kränzen aus Nadelbaumästen, an denen wiederum ebenfalls helle und bunte Lichter leuchteten. An allen Ecken standen kleine Nadelbäume, die mit merkwürdigen Lichtern und bunten Gegenständen behängt waren. Ich wagte eines dieser Lichter zu berühren. Kein Feuer brannte mich!? Ich zog die Hand dennoch schnell zurück. Auf dem Weg tummelten sich Massen von Menschen, in offensichtlicher, gehetzter Betriebsamkeit.

Während wir betäubt von den Eindrücken vor dem Tor standen und darüber nachdachten, wohin uns Gemmán geschickt hatte, öffnete sich das große Tor und Menschen in dunklen, eigenartigen Gewändern traten heraus. Zielstrebig und sich unterhaltend, gingen die Leute in Gruppen an uns vorbei, als wären wir gar nicht vorhanden. Ich verstand nicht ein einziges Wort von dem was sie sagten. Wir drängten uns enger zusammen und fühlten uns alle gleich elend. Es dauerte nicht lange, trotzdem erschien es mir wie eine Ewigkeit, bis sich die vielen Menschen in alle Richtungen zerstreuten und das Tor mit einem lauten Krachen wieder schloss.

Ich sah in die erstarrten Gesichter von Eithne,  Calum und Gavin, deren Hautfarbe inzwischen große Ähnlichkeit mit dem Schnee hatte. In ihren Augen las ich das gleiche Entsetzen und dieselben Fragen, die mich bewegten. Eithne schaute betreten auf den Boden. Sie wagte nicht mir in die Augen zu sehen. Sollte ich ihr die Meinung sagen? Ich entschied mich dagegen. Es würde nichts mehr ändern. Entschlossen sagte ich:

„Wir folgen denen da!“ und zeigte auf zwei junge Männer, die sich aus unserem Blickfeld fort bewegten, hinein in das schrecklich unübersichtliche Getümmel aus Menschen, Licht und Lärm. Calum und Gavin nickten, Eithne sah mich zweifelnd an.

Es fiel mir nicht leicht, mich dem strammen Schritt der anderen anzupassen, der sonst auch mir zu eigen war. Meine Seite schmerzte zu stark. Vermutlich umso mehr, weil ich mich so trostlos und verraten fühlte. Eithne folgte dicht auf.

Glücklicherweise holten wir die Männer schnell ein, die inzwischen auf einem großen Platz angelangt waren, auf dem eigenartig geformte, wagengroße, bunte Karren mit schwarzen Rädern standen. Ich nahm wahr, daß die Menschen diese Karren durch Klappen öffneten und sich hineinsetzten. Lediglich ihre Köpfe waren zu sehen, da die seltsamen Wagen zur Hälfte offen zu sein schienen. Überall leuchteten Lichter auf, die wie Augen aus den Karren herausstarrten. Ein seltsames Brummen ertönte und die Luft füllte sich mit einem widerlich stinkenden, grauen Nebel. Ich mußte husten, kämpfte dagegen an, weil meine Seite schmerzte. Die Menschen schlossen die Klappen laut krachend wieder und wurden von den eigenartigen, schmucklosen Dingern geschluckt. Starr sahen wir dem Schauspiel zu, während ein Wagenkasten nach dem anderen laut brummend in einer langen Reihe vom Platz entschwand. Konnten das wirklich Wagen sein? Wo waren die Menschen, Pferde oder Ochsen, die sie zogen?

„Und jetzt?“ Calum sah mich fragend an.

Gavin schüttelte den Kopf. „Wir haben sie verloren.“

„Das ist der schlimmste Platz auf Erden.“ Eithne schauderte.

Calum nickte. Leise, aus Angst dadurch böse Geister zu erwecken, fragte er: „Was sind das für seltsame Wagen?“

„Ich habe nie davon gehört“, erwiderte Gavin.

Ich nickte. „Nicht einmal Breidhgar habe ich davon erzählen hören und wenn einer von Wagen wüßte, die ohne Zugkraft fuhren, dann er!“

Mit einem Mal schien es noch kälter zu werden, fröstelnd rieb ich mir die Oberarme.

„Verdammt, was gäb’ ich für mein dickes wollenes großes Tuch und ein wollenes Hemd!“ Verdrossen sah ich mich nach allen Seiten um und entschied „Wir gehen weiter!“

„Wir müssen auf ein freies Feld, von da finden wir wahrscheinlich wieder zurück!“ Gavin klang wenig hoffnungsvoll, obwohl er sich mühte, uns, und am meisten wohl sich selber, Mut zuzusprechen.

„Woher sollen wir wissen, in welche Richtung wir laufen müssen? Wer sagt, daß wir uns nördlich halten müssen, um das Hochland zu erreichen? Und wie können wir unter diesem ganzen Licht erkennen wo Norden ist?“ Calum ließ seine Augen ängstlich suchend umherwandern. „Vielleicht sind wir bereits viel zu weit nördlich?“ Er zuckte zusammen, als hätte er einen Schlag abbekommen. Eithne legte ihm entschlossen die Hand auf die Schulter.

Ich wußte keine Worte die ihn hätten trösten können, denn im Inneren erging es mir nicht besser. Betroffen sah ich Gavin an und wußte er empfand den selben Kummer. Nur mit Willenskraft widerstand ich der Versuchung laut loszuschreien. Wir mußten einen kühlen Kopf bewahren, das Beste aus unserer aussichtslosen Lage machen. Ich sah Eithne an, warum war sie bloß so störrisch? Wenigstens sie könnte sicher zu Hause bei unseren Eltern sitzen.

Mutig tat ich den ersten Schritt in die uns unbekannte, fremde Welt. Ich dankte allen guten Geistern, daß sie mich nicht alleine auf den Weg geschickt hatten, und war mir wohl bewußt, wie eigennützig das von mir war.


Wir folgten dem harten, schwarzen Weg und immer mehr dieser seltsamen bunten Wagen mit Menschen darin sausten mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbei. Es war unheimlich. Ich würde freiwillig niemals in ein solches Ding einsteigen. Es mußte ein mächtiger Zauber in ihnen stecken. Mit gemischten Gefühlen folgten unsere Blicke jedem dieser Gefährte. Ein riesiger Wagen, mit mindestens zwanzig Menschen darin, sauste in so hoher Geschwindigkeit an uns vorbei, daß der widerliche, graue Schneematsch bis an unsere Knie hochspritzte und unsere Beine naß und kalt werden ließ. Wütend hob Calum die Faust und schimpfte leise hinter dem Gefährt her.

Mein ganzer Körper schmerzte. Das Unbehagen über die zunehmenden Menschenmassen, die seltsamen Gebäude um uns herum und die eigenartigen Gefährte, jagten mir Angst ein. Niemand kümmerte sich um uns, obwohl einige Leute offensichtlich über uns lachten. Keiner sprach uns an, fragte nach wer wir waren oder woher wir kamen!

Wir liefen ohne zu zögern in das helle Kerngebiet, um welches die Gebäude gebaut waren. Unmittelbar in die Massen von Menschen hinein. Ich wunderte mich. Ich konnte nicht begreifen, wie wenig die Leute uns wahrnahmen, sie mußten doch bemerken, daß Fremde unter ihnen weilten! Ich hatte das Gefühl, daß diese Menschen sich nicht einmal untereinander kannten. Weder grüßten sie sich, noch beachteten sie die anderen mehr als uns, die Fremden. Was war das nur für ein seltsamer Ort, an den uns Gemmán geschickt hatte. Kannte er ihn? Hatte er gewußt wohin er uns brachte? Oder entsprang der schreckliche Zauber nur unserer Einbildung? Hatte Gemmán uns Kräuter eingegeben damit wir unter Wahnvorstellungen litten? Lagen wir in Wahrheit noch auf dem Altarstein des Steinkreises und träumten, während unser Vater und unsere Leute um uns herum standen und nicht eingreifen konnten? Mein Herz lag schwer in meiner Brust. Womöglich kämpften unser Vater und die anderen mit den MacBochras und wir lagen untätig daneben. Unfähig eine Bewegung zu machen oder eingreifen zu können?

Der Marsch strengte mich an. Nur gut, daß der Schnee nicht mehr so heftig fiel. Doch so lange wir liefen, und so weit wir den Wegen folgten, es wurde nur schrecklicher. Lauter und unheimlicher. Nichts deutete auf einen Ausweg oder ein freies Feld hin. Inzwischen gestand ich mir ein; wir hatten uns verirrt.

Drei Männer in grellroten Gewändern, die einen weißen, pelzigen Besatz an den Säumen hatten, gingen mit starren Gesichtszügen an uns vorbei. Auf den Köpfen trugen sie rote Mützen, denen der Wikinger ähnlich. Ich konnte erkennen, daß ihre langen weißen Haare und Bärte gar nicht echt waren. Was waren das nun wieder für Gestalten? Sie sahen so ganz anders aus, als die Menschen bisher.

Ich hielt Calum und Gavin am Arm zurück. Ich brauchte dringend eine Rast. Wir standen vor einer durchsichtigen Wand, hinter der sich ebenfalls die Menschenmassen tummelten. Gezwungen innezuhalten, beobachtete ich das Treiben im Inneren des Gebäudes. Niemand wunderte sich darüber, daß wir in den Wohnraum der Leute starrten. Einige Männer und Frauen in schwarzer, enganliegender Kleidung, schienen anderen Menschen Dinge zu zeigen, sie herumzuführen.

Da standen kleine silberne, schwarze und bunte Truhen, auf welchen die Leute in schwarz herumdrückten, oder Klappen öffneten um silberne Scheiben hinein zu legen. Die anderen Menschen, die sich offensichtlich herumführen ließen, setzten sich eigenartige schwarze Hüte auf den Kopf, so daß ihre Ohren vollkommen davon bedeckt waren. Daraufhin bewegten sich einige auf der Stelle, als tanzten sie. Meine Gefühle vollführten ebenfalls einen wilden Tanz, in einer Mischung aus Angst und Neugierde, während ich das Treiben beobachtete.

Mir fiel eine junge Frau auf. Sie stand ebenfalls an einer dieser kleinen Truhen, in der Hand zwei silberne Scheiben und über den Ohren einen dieser seltsamen Hüte. Sie bewegte sich nicht in der selben Weise wie die anderen, sondern sah eher andächtig, nachdenklich ins Leere. Ihre kastanienroten Locken hingen ihr Gesicht umrahmend bis weit über die Schultern. Ich mußte bei ihrer Erscheinung an eine Füchsin denken. Sie trug ein wadenlanges Kleid aus einem rostroten Stoff und einen dunklen, den Farben der MacBochras ähnlichen, Umhang mit Ärmeln. Ihre Kleidung erinnerte mich trotz des ungewohnten Schnittes schmerzhaft an meine Heimat.

Unerwartet wandte sie mir ihr Gesicht zu und sah mich geradewegs an. Ihre hellbraunen, verheißungsvoll glänzenden Augen trafen mich in meinem Innersten. Wäre ich nicht sowieso in dieser schlechten Verfassung und Lage, hätte mich spätestens jetzt der Blitzschlag getroffen. Sie schaute mich an, folglich nahm sie mich wahr! Sie war bisher die erste in dieser eigenartigen Welt, die uns bemerkte.

Gavin räusperte sich neben mir. Ich wandte mich ihm kurz zu. Auch er starrte auf die Frau hinter der durchsichtigen Wand.



4. Die zweite Begegnung


Flanna hörte sich die CD von Catherine Ann MacPhee an und sah abwesend hinaus. Die Stimme dieser stämmigen Sängerin ließ sie gedanklich in schottische Gefilde tauchen. Im nächsten Augenblick erschrak sie. Vor dem Schaufenster standen vier Schotten in alten Kilts. Ein Schauer lief über ihren Rücken. Diese Männer, und, da war sogar eine Frau dabei, sie wirkten, als wären sie den Highlander - oder Braveheard - Filmen entstiegen. Unverschämt neugierig starrte sie einer von ihnen an. Er stand so nahe an der Scheibe, als wollte er deren Vorhandensein leugnen. Seine vom Schnee durchnäßten, dunkelbraunen Haare fielen strähnig gewellt bis über seine Schultern und umrahmten sein Gesicht. Ein Gesicht so wohlgeformt, daß es auch einer Frau hätte gehören können, wenn da nicht das kantige Kinn und die starken Wangenknochen gewesen wären. Seine dunkelbraunen Augen musterten sie durchdringend, aufdringlich. Sie fühlte sich ausgezogen, tief berührt.

Und endlich erkannte sie ihn! Sie war sicher, sie hatte ihn vor einigen Jahren schon einmal gesehen! Auf dem Busparkplatz des Bahnhofes! War das ein Zufall!? Er war der Grund, daß sie sich seither noch mehr für Schottland begeisterte, als zuvor. Der Grund, daß sie nicht nur Zuhörerin von gälischen Liedern geblieben war, sondern diese alte Sprache gelernt hatte und, daß sie seitdem als Sängerin auf mittelalterlichen Märken mitwirkte.

Dieser Mann schien ebenso wenig in diese Welt zu passen, wie ein Fisch nicht in die Luft gehörte. Wieder lief ein Schauer durch ihren Körper. Und wie seltsam, daß diese Leute aufgetaucht waren, als sie die CD zu hören begann. Sie zwang sich die Blickverbindung abzubrechen und nahm sich vor weiter nach hinten in den Laden zu gehen. Diese Leute waren ihr unheimlich. Das ganze war ihr unheimlich. Obwohl sie im Grunde ihres Herzens am liebsten zu ihm gegangen wäre, um ihm zu sagen, daß sie ihn schon einmal gesehen hatte, und, daß sie seine Sprache gelernt hatte, um dieses Mal mit ihm reden zu können. Sie hatte sich doch fest vorgenommen ihn anzusprechen, wenn sie das Schicksal ein zweites Mal zusammenführt! Doch jetzt fehlte ihr der Mut.


Der Blickwechsel war so eindringlich. Ich fühlte meine Glieder zucken, um zu ihr in den eigenartigen Wohnraum zu laufen, um nur nah genug bei ihr zu sein. Ich ertappte mich bei dem Gedanken ihr die Kleider vom Leib zu reißen, um ihre nackte Haut fühlen und den Anblick ihres Körpers genießen zu können. Ich stellte mir vor, wie meine Hand ihre wohlgeformte Brust umhüllte und an ihrem Hals hinauf wanderte, um zärtlich ihre Lippen zu berühren. Ich schüttelte den Kopf um die Gedanken loszuwerden. Sie paßte nicht zu den anderen. Gehörte sie nicht hier her, so wie wir? 

Gavin zog mich unsanft am Arm, riß mich von ihr los. „Komm!“

Ich sah ihn ärgerlich an, ehe ich mich erneut der Füchsin zuwandte; doch sie war inzwischen weiter nach hinten gegangen und sprach mit einem der Männer in schwarz. Abwägend sah sie von einer silbernen Scheibe zur anderen hinunter. Doch plötzlich drehte sie mir ihr Gesicht erneut zu, als wollte sie sich versichern, daß ich sie beobachtete. Ebenso plötzlich sah sie wieder weg. Widerstrebend ließ ich mich von Gavin weiterziehen. Der Zauber schien gebrochen; die Füchsin beachtete mich nicht mehr. Hatte ich mir ihren durchdringenden Blick nur eingebildet?

Nach einigen Schritten blieb Calum unerwartet stehen, er zitterte. „Seht!“ Bestürzt zeigte er auf schwarze und silberne Kastentruhen, die hinter der Wand auf Ständern standen und auf einer Seite geöffnet waren, sodaß wir hineinsehen konnten.

In diesen Truhen bewegte sich etwas, das hatte ich bereits zuvor wahrgenommen, doch nun erkannte ich, was sich dort bewegte. Menschen! Das Grauen lief mir über den Rücken. In den kleinen Truhen lebten offensichtlich winzige Menschen! Oder handelte es sich um Zwerge? Elfen? Trolle? Ich entdeckte Tiere, konnte Pferde erkennen, welche über die Heide galoppierten. Betroffen trat ich einige Schritte von der durchsichtigen Wand weg. Es war zu ungeheuerlich.

Wie ein Blitz traf mich der nächste Schock; Da waren Scoti. Da ritt tatsächlich ein Scote in den Farben der MacLeods. Ein Scote, fast so wie wir welche waren. Er ritt unmittelbar in eine Schlacht hinein. Ich sah das Blut spritzen, als ein Mann geköpft wurde.

Eithne zog scharf die Luft ein.

Ich legte erschüttert die Hand auf meine Brust. Mein Herz pochte so stark, als wollte es herausspringen. Wie war das möglich? Wie war es bloß möglich, daß Menschen in solch kleinen Truhen lebten? Wie kamen sie dort hinein? Das war der Beweis! Ich war mir plötzlich sicher. Gemmán gaukelt uns das alles vor. Nie und nimmer konnten Menschen oder Tiere so klein gezaubert werden.

Während wir fassungslos beobachteten; und sicherlich nicht nur mir das Herz wild bis hinauf in den Hals schlug, als wollte es meinen Körper sprengen, kamen zwei Männer in schwarz aus dem Inneren des Raumes auf uns zu. Wir konnten den Ablauf der Schlacht und das ganze Schlachtfeld übersehen und trotzdem konnten wir nicht eingreifen! Die Männer gingen geradewegs hinüber zu einer dieser kleinen Truhen, in der sich die Menschen hinmetzelten, doch anstatt einzugreifen, nahm sich einer der Männer einen schwarzen Stab, drückte darauf herum und zeigte auf die kämpfenden Männer, derweil sie herzlich lachten als einer der Scoten von einem Schwert durchbohrt wurde. Unerwartet  erschien ein anderes Bild; zwei Menschen die sich leidenschaftlich liebten. Die beiden Männer schenkten dem keine Beachtung.

Ich atmete ein paarmal tief durch, um Geist und Körper wieder in die Gewalt zu bekommen. Wie gebannt starrte ich in die Truhe, in der das Bild wechselte, sobald einer der Männer den flachen Stab berührte. Ich sah die anderen an.

Eithnes Gesicht war leichenblaß. Gavin ging an der Wand entlang. Ich zog die anderen hinterher. Ich zitterte unter meinem Hemd vor unterdrückter Wut und Verzweiflung. Ich spürte, daß es Calum genauso erging. Gavin ging schnell. Wir folgten.

Schließlich erreichten wir einen durchsichtigen, sich auseinander schiebenden Eingang. Menschen gingen ein und aus, ohne Hand anzulegen. Eine unheimlicher Zauber, trotzdem wir gingen mutig hinein.

Gavin hielt sich rechts. Irgendwann mußten wir auf die kleinen Truhen stoßen! Eine Unmenge an Gegenständen, Stoffen und Kleidern stand und hing uns im Weg. Irgendwie gelang es Gavin sich zurechtzufinden. Wir folgten ihm.

Endlich traten wir um die Ecke und vor uns standen die Truhen. Wir liefen zu der Truhe, die wir von draußen gesehen hatten. Doch die beiden Männer waren fort. Irgendwo mußten sie doch sein? Ich suchte den Kasten von vorn und von hinten ab. Da war ein Bild, doch nicht das, was ich suchte. Wo hatten die Kerle die Scoten hingebracht? Ich suchte den Raum nach den Männern ab. Fort, sie waren alle fort!

„Was, was sollen wir tun?“ Eithne schaute zunächst mich, dann die anderen bedrückt an.

„Ich muß hier raus! Vielleicht fangen sie uns?“ sagte Calum leise.

Gavin nickte. „Calum hat Recht. Dann könnten wir den verwunschenen Menschen noch weniger helfen!“

Es mußte doch einen Ausweg geben! Eine Möglichkeit dem Traum zu entrinnen und Gemmán ins Gesicht zu spucken! Was hatte er sich da ausgedacht?

Gavin wandte sich bereits, um zu gehen. „Es hat keinen Sinn, wir müssen gehen.“

„Und wohin?“ fragte Eithne bissig.

„Vater wird uns helfen!“ Gavin war davon überzeugt.


Niedergeschlagen liefen wir weiter, ohne auf den Weg zu achten. Der stramme Schritt kostete mich viel Mühe. Doch ich schmähte die Stiche in meiner Seite und die Trauer in meinem Herzen. Den Schwertknauf fest gegriffen, bis meine Knöchel weiß hervortraten, lief ich weiter. Ab und zu blickte ich zum Himmel, jedenfalls versuchte ich es, doch unter den starken Lichtern und dem wieder fallenden Schnee, konnte ich nichts erkennen, weder ob es dunkel war, noch ob ich einen Stern als Wegweiser hätte nutzen können. Mir blieb nur die Hoffnung, daß Ossian gegebenenfalls einen Weg wußte, um uns zu befreien.

So bedrückt hatten wir noch nie miteinander geschwiegen, doch keinem von uns war nach reden zu Mute. Ich wußte einer fühlte wie der andere. Wir wollten nur wieder nach Hause. Dem Schrecklichen, Unaussprechlichen entfliehen. Ich konnte nicht verstehen weshalb die anderen Menschen uns dermaßen übergingen, uns zum größten Teil nicht einmal ansahen und wenn doch, mit einem so mitleidigen Lächeln, als wären wir nicht mehr klar im Kopf, und das obwohl doch genaugenommen diese Leute eigenartig waren. Immer wieder liefen uns Männer in roten Gewändern mit falschen Bärten über den Weg. Was hatte das zu bedeuten? Ich hatte keine Ahnung. Sicher wußte ich nur eines; wenn mich jetzt einer dumm ansprach, dann würde ich nicht zögern mein Schwert zu ziehen.

Ich wandte mich um. Hatte Gavin es auch bemerkt? Ich wurde das Gefühl nicht los, daß uns jemand folgte. Die ganze Zeit ging es mir so, doch wer sollte uns folgen? Womöglich die Füchsin? Wahrscheinlich nicht.

Wir erreichten einen weiten Platz, in dessen Mitte ein Brunnen mit einem Becken stand. Das Wasser hatte sich gesammelt, und umschloss halbgefroren und eiskalt meine Finger, als ich sie hineintauchte. Ich beugte mich hinunter um einen Schluck zu trinken. Meine Kehle kratzte und war wie ausgedörrt. Ich spuckte; es schmeckte abscheulich.

„Was ist?“ fragte Calum.

„Versuchs lieber nicht!“

„Ich hab‘ Durst.“ Calum griff nach dem Wasserschlauch, der an seinem Gürtel hing: „Vollkommen leer! MacBochra muß das Wasser ausgegossen haben.“

„Er hat an alles gedacht!“

Gavin nickte niedergeschlagen. „Und jetzt?“

Eithne zog ihren Wasserschlauch nach vorne. „Ich habe etwas.“ Sie zog den Riemen über den Kopf und reichte das Wasser herum.

Bedächtig trank jeder ein paar Schlucke.

Ich starrte eine Weile ins vereiste Wasser. Schaute mir die Leute an, die sich in der Nähe des Brunnens aufhielten. Fünf junge Menschen standen in einem Kreis zusammen. Sie hielten seltsame Dinger in den Händen, die beinahe so lang wie die Hände selber waren und tippten mit den Fingern darauf herum. Ihre Gesichter waren befremdlich regungslos, starr auf die Teile gerichtet. Hatten sie sich denn nichts zu sagen? Warum standen sie dann zusammen? Ich fand ihr Benehmen merkwürdig. Sie schauten sich nicht an und sie lachten nicht  miteinander, so wie wir das taten, wenn wir mit Freunden im Kreis standen.

Calum berührte mich an der Schulter. Er blickte stur in eine Richtung. Ich sah hinüber. Als hätte ich sie durch meine Gedanken herbeigerufen, schoß es mir durch den Kopf. Eine Gruppe von sechs jungen Männern in schwarzer, enger Kleidung, mit geschorenen schwarzen und bunten, wild abstehenden Haaren trat uns entgegen. In ihren Lippen, Augenbrauen und Ohren steckten Nadeln, Metallringe und Ketten. Der offensichtliche Anführer hielt einen an der Spitze glühenden Stab zwischen den Fingern. Plötzlich steckte er ihn zwischen seine Lippen und zog daran. Die Glut entfachte, der Mann bekam Rauch in den Mund. Doch er hustete nicht. Statt dessen schluckte der Kerl den Rauch herunter und stieß ihn aus der Nase wieder aus. Waren hier alle irrsinnig? Wie konnte er sich freiwillig Rauch in die Lunge ziehen? Es schauderte mich. Waren sie Leibeigene oder Gefolterte? War dies womöglich eine Strafe? So kurzgeschoren wie sie ihre Haare trugen, konnten sie nur Gesetzesbrecher sein oder Leibeigene. Und was maßten sie sich an? Wie konnten sie uns in so herausfordernder Art entgegentreten? Sie mußten doch sehen, daß unsere großen Tücher mehr als drei Farben trugen, daß wir von hoher Geburt waren? Es war nicht schwer, ihrer Körpersprache zu entnehmen, daß sie einen Vorwand suchten, um sich zu prügeln. Ich biß die Zähne fest zusammen, die kamen mir recht! Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen wie Calum und Gavin bereits ihre Schwerter aus den Scheiden zogen, nur ein kleines Stück, doch sie waren so bereit wie ich. Endlich bekamen wir die Möglichkeit in unser Schicksal einzugreifen und nicht nur wie Puppen darin herumzulaufen. Ich sah Eithne entschieden an. Sie sollte nicht wagen sich einzumischen. Sie hielt mir eine Weile stand, doch dann nickte sie schwach, senkte ihre Lider und trat einen Schritt zur Seite.

Der Anführer stellte sich breitbeinig vor uns hin, schnippte gekonnt den glühenden Stab auf den Boden und begann zu sprechen:

„SchmeckteuchunserWassernich? WasseidnihrfürKasper, he? Rollenspielerscheißeroderwas? HalteteuchwohlfürBravehearts?“

Die anderen lachten. Einer warf mutig ein paar Worte ein: „HabteuchwohlinderZeitgeirrt!“

Ich verstand kein Wort. Mir war jedoch klar, daß die Kerle auf eine hitzige Antwort warteten, um loszuschlagen. Beinahe war mir leichter ums Herz. Endlich die Gelegenheit meiner verzweifelten Wut nachzugeben! Ein Kampf machte den Kopf wieder frei und klar. Er würde unsere Gemüter beruhigen. Ich zog mit einem Zug mein Schwert aus der Scheide. Verdammt! Ich sackte mit dem Oberkörper zusammen. Ein schmerzhafter Stich in der Seite zwang mich in die Knie! Wie sollte ich kämpfen, wenn mich womöglich andauernd Stiche quälten?

Calum und Gavin hatten ihre Schwerter fast gleichzeitig gezogen; sie stellten sich schräg rechts und links von mir auf. Eithne trat unwillig einen weiteren Schritt zurück.

Die Kerle beobachteten uns überheblich lächelnd, doch auf den Zügen von dreien konnte ich Unsicherheit erkennen. Sie hatten keine Schwerter. Dafür hatten sie andere Waffen, was beunruhigend war, denn ich kannte sie nicht. Der Anführer zog als erster eine Kette mit einem Stock daran aus seinem Obergewand. Die anderen holten ebenfalls Ketten und Knüppel aus ihren schwarzen, seltsamen Gewändern. Feindselig schlug sich der Kerl mit dem Stock auf die Handfläche. Warum begannen sie nicht einfach?

Da kam der erste Schlag. Ich war vorbereitet, doch nicht auf die Heftigkeit meiner Verletzung. Ich schaffte den Schlag abzuwehren, als bereits der Zweite folgte. Neben mir kämpften Calum und Gavin mit zwei der anderen. Ich riß mich zusammen, verdrängte den Schmerz und schlug zurück. Das Holz krachte laut, ich fühlte wie die Breitseite meines Schwertes auf dem weichen Arm meines Gegners landete. Der schrie auf. Ich holte ein weiteres Mal aus, schlug mit Wucht zu und traf erneut mit der flachen Schwertseite. Mein Gegner jaulte laut und wütend auf, während er seine schmerzende Schulter rieb.

Mit einem Mal erstarb der Kampf, und wir standen uns wie lauernde Wölfe gegenüber. Unsere Gegner hatten wohl nicht mit soviel Wut gerechnet. Allerdings waren auch sie nicht ohne Kampfgeist und sie hatten den Krieg begonnen. Wie durch einen Nebel nahm ich wahr, daß sich um uns herum eine Menschengruppe gesammelt hatte. Überrascht entdeckte ich sie. Die Füchsin! Sie stand abseits der Menschengruppe am Rand, nah genug um zusehen zu können. Ich wunderte mich. Wie fand ich jetzt die Zeit einen Menschen so aufmerksam wahrzunehmen. Wir sahen uns an und es ging mir durch Mark und Bein.


Flanna glaubte nicht was sie sah. Diese drei Kerle kämpften mit Breitschwertern! Eine unsichtbare Faust wütete in ihrem Magen. Woher kamen diese Leute? Das war doch Irrsinn! Sie mußte Runa  anrufen, vielleicht wußte die Rat?


Verständnislos hob die Füchsin ihre Hände an die Lippen. Ich schaffte es mich abzuwenden, um mich wieder meinen Gegnern zu widmen. Merkwürdig! Nie bisher hatte ich Schwierigkeiten mich in meinen Gegner zu versetzen, diese Frau jedoch, die uns bereits das zweite Mal über den Weg lief und das trotz der Menschenmassen, warf mich vollkommen aus der Bahn.

Der Anführer fauchte uns an: „Scheißkerle! Warumverpisstihreuchnichteinfach soschnellihrkönnt! IchwerdeEuchnichtmehrschützen!“ er wendete sich seinen Leuten zu, holte mit dem Arm aus: „Losjetztmachenwirsiefertig! Allesisterlaubt!“

Wütend stürmten sie gleichzeitig auf uns zu. Von ehrenhaftem Kampf konnte nicht mehr die Rede sein. Ich drängte weiterhin meine Schmerzen zurück und hieb drauflos.

Ich schrie unseren Clansruf in den Himmel. „Wir sind die MacDougals!“

Calum und Gavin folgten meinem Ruf. „Wir sind die MacDougals!“ wir stürmten den Angreifern entgegen, schwangen mit Wucht unsere Schwerter.

Ich hatte es geschafft meine Schmerzen zu verdrängen, meine Gedanken voll auf den Kampf zu sammeln. Mein Schwert sauste mit ungeheurer Kraft auf den Arm meines Gegners nieder. Das harte Holz des Schlagstockes traf mich wuchtig an der Schulter.

Wieder schlug ich mit dem Schwert zu, bemühte mich, meinen Gegner so empfindlich zu treffen, daß dieser seinen Stock mit der Kette loslassen mußte, doch der Kerl hatte mehr Mumm in den Knochen, als ich dachte. Ein weiteres Mal sauste die Kette mit dem Stock herab. Meiner schnellen Auffassungsgabe verdankte ich, daß mich das Holz lediglich am Hals traf und nicht wie beabsichtigt am Kopf. Doch es war knapp gewesen. In meiner Wut spürte ich den Schmerz nicht mehr. Ich hatte das Gefühl ein Gewitter tobte in mir und entlud sich kraftvoll. Ich schleuderte meinem Gegner die ganze Erbitterung entgegen, die ich gegen die ungastliche Behandlung, den kühlen Empfang und unsere Verbannung durch Gemmán empfand. Diese Kerle, nicht älter als Calum wahrscheinlich, hatten es nicht besser verdient. Und trotzdem, mein Inneres hinderte mich daran, ihm das Schwert tödlich in den Körper zu stoßen. Ich hatte doch nichts gegen sie, warum ließen sie uns nicht in Ruhe?

Plötzlich hörte ich einen lauten Knall! Sogleich spürte ich einen heftigen Schmerz und wurde ein Stück zurückgeworfen. Etwas hatte mich jäh an der Schulter getroffen, wie ein Hammerschlag. Ein dunkelroter Fleck sammelte sich auf meinem Hemdsärmel. Ich suchte einen Pfeil, konnte jedoch keinen entdecken. Woher kam der Schmerz? Ich sah in die Augen meines Gegners und bemerkte den siegessicheren Ausdruck auf seinem Gesicht, ehe er ein schwarzes, handgroßes Stück Irgendetwas in sein Wams schob und seinen Gefährten hinterherlief, die flüchteten wie Hasen.

Ich hielt die Hand auf die blutende Wunde. Mit einem Mal war mir speiübel. Ich sackte nach hinten auf den Brunnenrand. Eithne bewahrte mich vor dem Sturz, ehe Calum und Gavin mich stützten.

Calum fragte bestürzt: „Was war das für ein Knall?“

Ich schüttelte unsicher den Kopf. „Mein Oberarm brennt wie Feuer!“

Die Leute waren inzwischen näher gekommen, drängten sich um uns, neugierig und schaulustig.

Sonderbar, so bemerkten sie uns doch. Ich ließ meinen Blick schweifen, um mich abzulenken. Da! Die Farben der MacBochras in der Menge! Die Füchsin? Schon war nichts mehr zu sehen. Ich suchte den Kreis nach ihr ab.

Ein schrilles Geräusch im Hintergrund wurde lauter, als käme es geradewegs auf uns zu. Es war unangenehm, den Körper durchdringend und rieb meine Nerven auf.

Ich sah die Leute wütend an. Unerwartet sprang Calum auf, fuchtelte wild mit seinem Schwert in der Luft herum und schrie: „Verschwindet! Wir haben euch nicht gerufen!“ er tat einen Ausfallschritt in ihre Richtung. „Grrar! Verschwindet, hab ich gesagt!“

Die Leute zuckten zusammen, traten zurück. Sie hatten sicherlich nicht die Worte verstanden, die Gebärde dafür um so besser. Schließlich zerstreuten sich einige wieder, doch andere blieben in sicherer Entfernung stehen.

Ich sah auf, unmittelbar in die hellbraunen Augen der Füchsin, die sich anscheinend durch Calum nicht hatte einschüchtern lassen. Sie tat ein paar Schritte auf mich zu. Gavin bemühte sich an die Wunde heranzukommen. Das laute Geräusch im Hintergrund zerrte weiter unnachgiebig an meinen Nerven. Konnte es nicht endlich schweigen!

Die Füchsin kam näher. Ich war verwirrt. Eben hatte ich die Farben der MacBochras auf der gegenüberliegenden Seite gesehen, wie konnte sie jetzt hier sein?

Calum sah sie wütend an: „Ich habe gesagt ihr sollt alle verschwinden, das gilt auch für dich!“ sagte er böse.

Ich schob die Hand von Gavin beiseite, da dieser sinnlos an meinem Hemd herumfingerte, ohne wirklich etwas zu erreichen. Sie sollte nicht verschwinden. Nicht die Füchsin! 


Flanna wollte so gern mit ihm reden, doch sie traute sich nicht. Eine ungewisse Angst hinderte sie. Was wußte sie denn über diese Leute? Nichts, außer daß einer mit einer Streifschußverletzung am Brunnenrand saß und sie mit großen verwunderten Augen ansah. Und, daß sie ihn bereits einmal gesehen hatte und er ebenso verloren gewirkt hatte wie jetzt. Damals hatte sie sich geschworen ihn anzusprechen! Weshalb tat sie es nun nicht?


Ein grünweißer Wagen mit einem flackernden grell-blauen Licht auf dem Dach, fuhr ohne Umweg auf uns zu. Ich begriff, daß der unangenehme Ton und das Licht zusammengehörten. Ich richtete mich auf. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf; wie wir alle vier von diesem Wagen und seinen Insassen eingefangen wurden und darauf hin zu Zwergen geschrumpft in einer dieser schwarzen kleinen Truhen gefangen gehalten wurden. Vermutlich fingen sie Fremde hier stets so ein, damit der Nachschub an Zwergen gedeckt war? Ich sah die anderen an und mir wurde klar, daß ihnen die gleichen Gedanken gekommen waren. Sie halfen mir auf.

„Wir müssen weiter.“ Ein letztes Mal sah ich die Füchsin an.

Überraschend lächelte sie und dieses Lächeln wärmte mich. Es war so herzlich, daß mir für wenige Augenblicke heiß wurde und weder die Kälte, noch der Schnee, der stetig fiel, oder meine Schmerzen mir etwas anhaben konnten. Es war widersinnig, doch ich fühlte mich durch dieses Lächeln für all die Härte der letzten Stunden entschädigt.

„Komm!“ drängte Gavin.

Mit einem eiskalten Schauer wurde ich mir plötzlich wieder der Gefahr bewußt, die uns bedrohte und ich sah ängstlich die grünweißen Wagen an, die lärmend nahten. Unerwartet erstarb das Geräusch. Während die Dinger unweit des Platzes hielten und ihnen grün gekleidete Männer entstiegen, klingelte das schrille Geräusch in meinen Ohren nach. Sie wirkten alles andere als freundlich oder einladend. Ich war sicher, daß nur die Flucht uns vor schrecklicherem bewahren konnte. Wohin sollten wir fliehen? Alles in mir drängte fortzulaufen. Ich spürte wie sich meine Nackenhaare Gefahr witternd aufstellten. Ich sah die Füchsin ein letztes Mal an, während sie irgendwie verloren am Rande der Menschengruppe stand und meinem Blick begegnete, als habe sie darauf gewartet, daß ich sie noch einmal ansehe. Trotzdem floh ich so schnell es mir möglich war in die entgegengesetzte Richtung.

Es war einfacher als ich dachte, denn die Menschen ließen uns ängstlich, bereitwillig durch die Reihen schlüpfen. Wir liefen in die dunkelste Gasse, die wir fanden; den wenigen Schatten nutzend, den diese bot. Hatte ich mich getäuscht? Hatte ich nicht. Ich war sicher die Farben der MacBochras in der Menge gesehen zu haben, nur kurz. Und es war nicht die Füchsin gewesen. Das Gefühl, daß uns jemand folgte, verließ mich nicht mehr.


5 spurlos



Ratlos sah Cameron MacDougal auf den Altarstein nieder. Auf dem Boden entdeckte er einen Stoffetzen. Er hob ihn auf. Ein Stück eines großen Tuches. Dougaltuch! Seine Söhne waren hier gewesen und es war schief gelaufen. Hatten sie ihren Auftrag erfüllt? Was war geschehen? Angst schnürte ihm die Kehle zu. Wenn sie ihren Auftrag ausgeführt hätten, wären sie geradewegs nach Hause gekommen. Was hatte sie aufgehalten? Oder sollte er lieber fragen wer? Es sah seinen Söhnen nicht ähnlich eine Vereinbarung nicht einzuhalten. Er bat Aed zu sich.

„Sieh nach. Vielleicht findest du eine Spur?“

Aed hockte sich hin und legte die Hände flach auf die Erde. Wenn es eine Spur gab, würde er sie finden. Er war Meister im Spurenlesen und Spurenfühlen. Nach einer Weile sah er auf.

„Sie waren nicht allein.“

Cameron MacDougal sah ihn fragend an.

„MacBochras.“ Aed befühlte den Boden weiter.

„MacBochras?!“ Cameron MacDougal hatte das Gefühl jemand zöge ihm die Beine unter dem Körper weg. Er wollte nicht glauben, daß Aed Recht hatte. Wenn tatsächlich MacBochras hiergewesen waren, dann waren seine Söhne in großer Gefahr. War der Stein womöglich ebenfalls in die Hände dieser räudigen Kerle gefallen? Er kniete vor dem Altarstein und begann die feuchte Erde aufzuwühlen. Hatten sie ihn hier versteckt? Aed hockte sich neben ihn und half. MacDougal grub weiter, doch er fand nichts.

„Wenn die Jungs wirklich in die Hände der MacBochras gefallen sind?“ Er wollte diesen Gedanken nicht weiter denken. Er fragte sich, ob es ihnen gelungen war, den Stein rechtzeitig zu übergeben?

„Könnte sein, daß sie einer Folterung nicht standgehalten haben.“

Aed blickte starr auf den Stein. „Männer wurden auf den Stein gezogen. Sie waren gefesselt.“

Cameron war das Herz schwer, doch er konnte jetzt nichts für seine Söhne tun. Sie mußten auf sich selber aufpassen. „Wir warten verdeckt auf die nächsten Boten.“ Er umklammerte den Knauf seines Schwertes. „Wenn wir herausbekommen haben, ob der Stein weitergereicht wurde, kümmern wir uns um MacBochra!“ MacDougal erhob sich schwerfällig. Er fühlte sich leer und ausgelaugt. „Es hat Verräter gegeben!“ Er trat zwei Schritte zur Seite und sah in die Gesichter der wenigen treuen Männer, die ihn umgaben. Er weigerte sich zu glauben, daß einer von ihnen den Plan und seine Söhne verraten hatte.

Lebten die Jungen noch? Sie waren stark. Allerdings war nur Calum ein Kämpfer, und noch ein halbes Kind. Sie waren keine Krieger, wenn es jedoch darauf ankam wußten sie zu kämpfen! Und wenngleich Gavin und Dougal eher für das friedliche Miteinander waren, so wußten sie sich doch zu verteidigen.

Aed legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wir könnten uns aufteilen?“

„Die Krönung des Königs ist wichtiger. Eins nach dem anderen“ Er sah Aed geradewegs in die Augen. „Der König wird uns helfen!“ MacDougal starrte ins Grau des Morgens. „Sie werden durchhalten.“ Er kniff die Augen zusammen. „Sie werden durchhalten!“




6 Fremd



Der Lärm hinter ihnen erstarb. Dauernd sah Gavin über die Schulter, ob ihnen jemand folgte. Es war keiner zu sehen und so fielen sie in eine langsamere Gangart zurück. Gavin hörte den röchelnden Atem seines Bruders. Sicherlich ging es ihm viel schlechter, als er zeigte. Schließlich hielt er an.

Calum und Eithne drehten sich fragend zu ihm um. Gavin bemerkte mit Entsetzen das kalkweiße Gesicht Dougals und den riesigen roten Fleck auf seinem Hemdsärmel. Er hätte sich ohrfeigen können. Allerdings war er sicher, daß Dougal alles dazu beigetragen hatte, damit sie seine Verletzung vergaßen.

„Wir müssen die Wunde reinigen!“ sagte er im Befehlston, aus Angst Dougal würde sich weigern.

„Aye. Dann tu es!“

„Und du mußt ein paar Kräuter schlucken.“ Während Gavin das sagte, zog er vorsichtig Dougals Hemd zur Seite über dessen Schulter. Er sah Calum fragend an.

Der schüttelte den Kopf.

„Hock dich an die Wand“, befahl Gavin mit Nachdruck.


Ich rutschte an der Wand nach unten und lehnte mich schwer dagegen. Ich schloss kurz die Augen, wartete ungeduldig und sah wieder Gavin an. „Nun mach schon.“

Gavin überlegte nicht lange, zog den Saum seines großen Tuches ein wenig hoch und reinigte meine Wunde mit seinem Urin.

„Verdammt, das brennt wie Feuer!“ presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Gavin nickte und drehte sich zu Eithne um. „Reiß ein Stück von deinem Unterkleid ab, wir brauchen Verbandszeug!“

Sie nickte, hob den Saum ihres Kleides an. Calum zog sein Messer und schnitt ein Stück Leinen heraus. Er reichte es Gavin.

Vorsichtig legte Gavin es zwischen Hemd und Wunde. Dann sah er mich sorgenvoll an, während er eine Handvoll Kräuter aus seinem Sporran holte und mir diese in den Mund schob. „Wir stützen dich!“ Er schob seinen Arm unter meine linke Achsel. Obwohl er versuchte so behutsam wie nur möglich zu sein, stöhnte ich unwillkürlich auf. Calum tat es Gavin auf der rechten Seite nach.


„Ehrlich gesagt weiß ich nicht was wir tun sollen, oder wohin wir uns wenden wollen?!“ sagte Gavin müde. Er wollte nicht weiter nachdenken.

„Vielleicht finden wir in dieser Richtung ein freies Feld oder einen Wald, in dem wir unterkommen können?“ Calums Stimme klang müde und hoffnungslos, selbst in seinen eigenen Ohren. Ihn quälte die Angst womöglich niemals auf ein Feld zu gelangen! Andererseits spürte er in sich eine Wut wachsen, die ihm Kraft verlieh. Sie schleppten sich und Dougal weiter, während dessen Körper schwerer wurde und er von Schritt zu Schritt weniger mithalf.

„Der Weg wird dunkler. Ich sehe lange nicht mehr so viele Menschen wie zuvor.“ Calum hoffte das Beste.

„Dann könnten wir auf dem richtigen Weg sein?!“ Gavin hatte schon seit einer Weile festgestellt, daß die Beleuchtung spärlicher wurde und ihnen weniger Menschen begegneten. Die Gebäude waren klotzig und groß. Was ihm zunehmend Kummer bereitete, war das heftige Schneetreiben, das stetig zunahm und der Zustand Dougals, der sich mehr und mehr gehen ließ und abschwächte. Er stützte sich schwer auf sie.

„Laßt mich los“, sagte Dougal unvermittelt, als hätte er die Gedanken Gavins erraten. „Ich kann nicht weiter. Ihr seid ohne mich mehr als doppelt so schnell. Wenn ihr schließlich einen Unterschlupf gefunden habt, holt ihr mich nach.“

Gavin schnalzte abwertend mit der Zunge. „Ein guter Einfall. Und wenn wir wiederkommen bist du bereits erfroren oder steckst in einer der schwarzen Truhen!“ Er schüttelte den Kopf. „So könnten wir uns den Weg sogar sparen!“ Gavin war sauer. „Du kommst sofort mit oder wir gehen nicht weiter!“ Er duldete keinen Widerspruch und hoffte sein Bruder begriff das.

Dougal nickte schwach. „Aye, wie du meinst.“


Gavin hatte aufgehört die Zeit zu schätzen die inzwischen vergangen war, doch schließlich schien sich ihre Hoffnung zu erfüllen, denn sie erreichten eine freie Fläche, welche allerdings von vielen schwarzgrauen Linien durchzogen wurde, auf denen die seltsamen Wagen entlangfuhren. Dennoch, sie waren zufrieden diesem Abgrund aus Lichtern, Menschen und unheimlichen, fremden Dingen entkommen zu sein. Sie brauchten lediglich einen Unterschlupf für die kalte Nacht zu finden, um Dougal besser verpflegen zu können und am nächsten Morgen würden sie sich auf den Heimweg machen. Der dicht fallende Schnee behinderte die freie Sicht zwar, doch glaubte Gavin weiter rechts einen dunklen Schatten auszumachen, der zu einer Baumgruppe gehören könnte. Er lenkte Calum und Dougal dorthin und vergewisserte sich, daß Eithne ihnen folgte. Dummes Ding! Sie brachte sich dauernd in Schwierigkeiten! Wenigstens war sie bei ihnen und nicht gefangen bei den MacBochras. Er wandte sich wieder dem grauschwarzen Pfad zu, auf dem sie entlangliefen. Anscheinend wurde das ganze Land von diesen Wegen durchzogen. Er stimmte einen heilsamen Gesang an. Konnte nicht schaden wenn sie abgelenkt wurden und ihre Körper durch die Stimme stärkten.


Nach einer weiteren anstrengenden Wanderung erreichten wir schließlich die Baumgruppe und entdeckten von dort aus unweit eine Ansammlung großer viereckiger Gebäude, von denen ebenfalls ein starkes Licht herüberdrang. Eine zweite Siedlung mit Menschenmassen? War da nicht etwas? Eine Bewegung? Ein Tier? Oder ein MacBochra?

„Wollen wir dorthin?“ fragte Calum wenig begeistert. Er steckte seine freie Hand ablehnend in seinen Gürtel.

„Wozu?“ Gavin schüttelte den Kopf. „Wird doch nur wieder das selbe sein wie zuvor.“

Ich stöhnte. „Vielleicht sollten wir es uns doch einmal ansehen, wir können jederzeit zurückkehren.“

Gavin tauschte unsichere Blicke mit Calum und Eithne, ehe er mich wieder ansah. „Schaffst du es bis dahin?“

Ich nickte verbissen. Irgendwie hatte ich das Gefühl der heilige Stein in mir würde mir Kraft verleihen, wenn ich bereit war zu kämpfen. „Und bis ans Ende der Welt, wenn es nötig ist.“


Mutig näherten wir uns dem großen Gebäude, um das herum die seltsamen Gefährte abgestellt warteten. Alle paar Augenblicke, nachdem Leute voll beladen mit knisternden Beuteln einstiegen, leuchtete eins der Menschenträger auf und entfernte sich auf dem grauen Pfad, und wieder andere kamen auf den Platz um anzuhalten und Menschen herauszulassen, die dann geschäftig in das große, hell erleuchtete Gebäude eilten.

Beherzt folgten wir einigen Leuten. Eine stickige, stinkige Luft empfing uns, nahm uns jede Lust am Atmen. Wagemutig gingen wir weiter, obwohl sich die befremdlichen durchsichtigen Tore wie von Zauberhand öffneten sobald ein Mensch davor stand.

„Sollen wir wirklich da hinein gehen?“ fragte Eithne entsetzt.

„Ich will wissen was die hier treiben!“ Ich sah störrisch in das Innere des Gebäudes, das von Unmengen durchsichtiger Wände unterteilt schien und offensichtlich von eben so vielen Menschen bevölkert wurde. In meinem Inneren wuchs die Neugier so stark und schnell, daß ich neue Kraft bekam. Als hätte mir jemand einen Zaubertrank gegeben.


„Und wenn das hier der Ort ist, an dem sie Menschen in Zwerge verwandeln?“ Calum wäre viel lieber sofort umgekehrt, obwohl er sich dafür schämte. War er nicht ein Kämpfer? Hier war alles so ungeheuerlich! Wenn es um einen Kampf Mann gegen Mann ging, hatte er keine Angst, doch hier ereigneten sich unheimliche Dinge und denen konnte er nicht mit Scharfsinn oder einem starken Arm entgegentreten.

Eithne ließ ihre Luft abwertend pfeifend heraus. „Wie sollen wir mehr über diese Leute erfahren, wenn wir nicht einmal den Mut aufbringen uns umzusehen?“ Sie sah Calum herausfordernd an, ehe sie zu Dougal und Gavin schaute.

Dougal drückte sich den Ellenbogen in die Seite und hielt sich leicht schief, um seiner Schmerzen besser Herr zu sein. In seinen Augen loderte ein wildes Feuer, welches sich nicht unterkriegen lassen wollte. Er nickte, Eithnes Worte unterstützend.

Calum nickte verzagt, Dougal war der ältere, er fügte sich.


Langsam bewegten wir uns voran, ständig die Leute im Auge behaltend und die Schwerthand einsatzbereit am Griff. Durch das Menschengewühl gelangten wir an eine metallene Pforte, die sich ebenfalls von alleine öffnete, sobald wir nahe genug heran waren, um hindurch zu gehen. Wir sahen uns an, um dem Schrecklichen zu trotzen. Mutig gingen wir hindurch. Schließlich waren wir zu dritt und wenn ich Eithnes Schwertarm mitzählte sogar zu viert.

Auch hier beachteten uns die Menschen nicht. Sie schoben Karren aus Metallgeflechten vor sich her, hielten hier und hielten dort, langten in riesige Gefache in denen bunte Gegenstände standen und füllten ihre eigenartigen Wagen. Sie sprachen nicht einmal untereinander. Ich gewann den Eindruck, daß sie sehr in Eile waren.

Wir besahen uns die Fächer genauer. Eithne traute sich eine Schachtel in die Hand zu nehmen, sah sich ängstlich um, ob jemand einen Einwand erhob und begutachtete das Ding.  Niemand störte sich an ihrer Handlung. Wir traten dicht an sie heran, um uns das Ding ebenfalls anzusehen. Eithne hob es an die Nase um daran zu Riechen. Von außen war nicht zu erkennen um was es sich handelte, doch selbst das riechen half nicht weiter. Die Schachtel war mehr als eigenartig. Solch ein Zeug hatte ich niemals zuvor gesehen. Und sie war, wie so vieles hier, durchsichtig. Drinnen befanden sich kleine, etwa daumendicke, rosa Teile, die keinen Anhaltspunkt boten, was sie enthielten oder darstellten. Calum nahm Eithne die Schachtel vorsichtig aus der Hand, er suchte eine Öffnung, doch sie schien wie durch Zauber versiegelt. Ärgerlich stellte er sie zurück.

Wir liefen weiter durch die vielen Gänge und kamen aus dem Staunen nicht heraus. Eine so große Vielfalt an bunten Farben und Gestalten hatten wir in unserem ganzen Leben nicht gesehen. In einem Lagerfach entdeckte ich Abbilder von seltsamen Frauen, mit viel zu langen Beinen, riesigen Brüsten, einer besonders schmalen Körpermitte und unnatürlich dickem Blondhaar. Gab es tatsächlich Frauen die solch einer Puppe als Vorbild gedient hatten?

Von der Decke des Gebäudes hingen riesige eiförmige bunte Beutel. Calum drückte mit einem Finger so tief hinein, bis es einen lauten Knall gab. Das Ding platzte und es fehlte die winzigste Spur eines Inhaltes. Erschrocken sahen wir uns um. Niemand schaute zu uns herüber oder störte sich an dem Knall.

Wie benommen folgten wir mal dem einen Menschen und dann wieder einem anderen und ließen uns von den erschreckenden Eindrücken berieseln. Von irgendwo her waren Musikanten zu hören, die auf mir unbekannten Instrumenten spielten und merkwürdig sangen und das ganze so laut, daß es in der riesigen Halle zu hören war. Ich wunderte mich, wie es die Leute schafften das Tageslicht in die Räume zu holen, obwohl doch draußen finstere Nacht herrschte. Die Luft machte mir zu schaffen und die Eindrücke, die ich nicht zu bewältigen wußte.

„Ich habe den Eindruck die Leute holen sich hier Nahrung und...“, ich deutete auf einige Metallständer, die mit seltsam geschnittenen Gewändern behängt waren. „...Kleidung!“

Gavin schluckte. „Aber ich verstehe nicht wieso sich das alles hier befindet.“ Er starrte eine Frau an, die ebenfalls einen Wagen vor sich herschob, in dem sich allerdings nicht nur seltsame Schachteln und Gegenstände befanden sondern auch ein kleines Kind von etwa einem Jahr.

„Glaubt ihr sie holen sich hier Kindersklaven?“ fragte Eithne leise. Sie traute sich kaum die Frau anzusehen, weil ihr der Gedanke so ungeheuerlich erschien  

Keiner gab Eithne eine Antwort. Bedrückt schlichen wir weiter. Ich hatte längst den Überblick verloren, als wir zu einem runden Platz gelangten. Auf abgeschrägten Tischen lagen Obst und Gemüse in Hülle und Fülle. Uns lief das Wasser im Munde zusammen.

Calum stürzte sich auf den nächstbesten Stand mit leuchtend roten Früchten. „Seht doch nur zu dieser Jahreszeit!“ Er griff in eine der Schalen und nahm sich eine Handvoll, die er sofort gierig verschlang. „Hier!“ Er holte die Schale hervor und reichte sie den anderen. „Sie schmecken eigenartig, aber wir können sie essen.“ Er spuckte zwei Kerne auf den Boden.

Gavin schaufelte sich ebenfalls eine Handvoll in den Mund.

Ich war verunsichert und schaute mich um. „Glaubt ihr nicht, daß sie dafür einen Gegenwert erwarten werden?“

Calum schüttelte den Kopf. „Die Leute bedienen sich doch alle einfach so!“ Er langte nach einem dicken Apfel und biß hinein. Nachdem er jedoch zu ende gekaut hatte, spuckte er mit einem Mal das gekaute wieder aus. „Pfui! Widerwärtig!“ Unsanft beförderte er den Apfel wieder zu den anderen. Eithne schüttelte den Kopf.

Plötzlich kam uns mit festen Schritten eine Frau in einem weißen Gewand und mit wütenden Gesichtsausdruck entgegen. Sie fuchtelte mit den Armen hin und her.

„Ichhoffedochsehrwohl, daßsiedieWarenbezahlenwerden undihrenDreckwiederaufheben!“ Sie sah auf die ausgespuckte Nahrung auf dem Boden. Ihre aschblonden, mit roten und schwarzen Strähnen durchzogenen, dünnen Haare, die sich in winzigen Locken bis auf die Schultern kringelten wippten mit ihrem wütenden Herzschlag um die Wette.

„Ich wußte doch, daß sie eine Gegenleistung erwarten!“ Ich kramte in meinem Sporran und zog eine Münze hervor. Ich hielt sie ihr unter die Nase.

Die Frau wurde kalkweiß vor Ärger und schüttelte den Kopf. Während sie wegging nuschelte sie vor sich hin. „IchholediePolizei. Dakommensie ausirgendeinemLanddaherund bringenesnochnichteinmal fertigihrGeldzuwechseln. Unverschämtistdas.“

Ich verstand kein Wort, doch meine Münze wollte sie offensichtlich nicht.

„IchholedenMarktleiter. Siewerdenschonsehen waswirmitsolchenmachen.“

„Ich denke es ist Zeit, daß wir von hier verschwinden!“ sagte Gavin eindringlich.

Ich nickte.

Calum hingegen ging zurück an die Tische mit dem Obst. „Aber nicht ohne Essen mitzunehmen!“ In Windeseile packte er das Stück seines Tuches, das vor seinem Bauch hing, mit den durchsichtigen Schalen, ein paar Birnen und anderen unbekannten Früchten voll. „Wenn sie uns des Diebstahls bezichtigen, so sollen sie einen Grund haben!“ er lachte und eilte zu uns.


„Du bist nicht bei Trost!“ sagte Gavin. „Die Früchte im Magen hätten sie uns nicht nachweisen können, dagegen wirst du sicherlich mit dem vollen Tuch als Dieb überführt!“ Trotz seiner Worte war er stolz auf seinen Bruder, denn er war in ihrer Not schlau und mutig.


Wir beeilten uns zu den eigenartigen kleinen Gattern aus Metall zurückzufinden. Gavin und Calum ließen mich los, um kurzerhand hinüberzuspringen. Auf der anderen Seite empfingen sie mich wieder. Die Leute zollten den beiden tatsächlich kurz Aufmerksamkeit, wie ich befriedigt feststellte. Dafür spürte ich einen heftigen Schmerz in der Seite und in meiner Schulter. Ich fühlte mich wieder schwach und ausgelaugt. Die Kraft schwand, wie sie gekommen war.

Trotzdem, wir liefen weiter. Den Weg zurück, den wir gekommen waren. Nach kurzer Zeit standen wir wieder draußen in der eisigen Winterluft. Doch wir hielten uns nicht weiter auf, sondern eilten, so schnell es mir möglich war, zu der Baumgruppe zurück.




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